21. September 2018 von Janet Schütze in Newsroom
© CCODer Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge leben in Deutschland 1,7 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung.
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Frühzeitig gegen das Vergessen

Wie man Demenuz erkennt und was man dagegen tun kann

Name vergessen, Schlüssel verlegt, unsicher, wo das Auto geparkt ist: Solche kleinen Fehlleistungen im Alltag kennen wohl die Meisten.

Wann aber wird aus der Vergesslichkeit eine Krankheit, wie bleibt man bis in das hohe Alter geistig fit und lässt sich das Vergessen aufhalten?

Das Gedächtnis zu verlieren und die eigene Persönlichkeit schwinden zu sehen, ist eine beängstigende Vorstellung. Der Deutschen Alzheimer Gesellschaft zufolge leben in Deutschland 1,7 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Eine heilende Therapie gibt es derzeit noch nicht. Die gute Nachricht aber ist, dass die Demenz in vielen Fällen kein unabwendbares Schicksal sein muss. Wird die Erkrankung frühzeitig erkannt und gezielt behandelt, kann der Verlauf verzögert werden. Aber wann ist eine Vergesslichkeit medizinisch auffällig und ab wann sollten Angehörige hellhörig werden? Dr. Alexander Reinshagen, Chefarzt der Klinik für Neurologie an den Sana Kliniken Leipziger Land erklärt: „Wer besorgt ist, weil das Denken störanfälliger ist, als gewohnt, sollte keine Scheu haben und sich an einen Arzt wenden. Angehörige sollten aufmerksam werden, wenn zur Vergesslichkeit weitere Fehlleistungen hinzukommen, etwa, wenn der Betroffene Dinge an ungewöhnlichen Orten deponiert, zum Beispiel der Wohnungsschlüssel im Kühlschrank liegt. Ein weiteres Anzeichen für eine Demenz können Wesensveränderungen sein. Der Betroffene ist unruhig, gar aggressiv oder zieht sich zurück und wirkt desinteressiert.“

Was genau ist eigentlich eine Demenz?

Unter einer Demenz versteht man einen fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Lernfähigkeit, Sprache und die alltäglichen praktischen Fertigkeiten verschlechtern sich kontinuierlich. Dabei handelt es sich keineswegs um ein einheitliches Krankheitsbild, sondern um ein Zusammentreffen von Beschwerden, die unterschiedliche Ursachen und Krankheitsentwicklungen haben können.

Bedeutet der Begriff Altersdemenz, dass die Demenz eine Verschleißerscheinung ist?

Der Begriff Altersdemenz ist als umgangssprachliche Bezeichnung weit verbreitet. Als medizinische Kategorie gibt es ihn jedoch nicht. „Leider verbindet sich mit dem Begriff Altersdemenz häufig die Vorstellung, die Demenz sei eine natürliche Folge des Alterns. Das ist sie nicht“ sagt Dr. Reinshagen. „Die Demenz ist eine Erkrankung, die möglichst frühzeitig behandelt werden muss. Allerdings tritt sie typischerweise im höheren Alter auf.“ Von den über 60-Jährigen sind ungefähr fünf Prozent, von den über 80-Jährigen 25, später 50 Prozent der Senioren betroffen.

Welche Ursache hat die Demenz?

Die häufigste Form der Demenz ist die Alzheimer-Demenz. Ihr Anteil liegt über 60 Prozent. Bei der Alzheimer-Erkrankung kommt es zum Absterben von Nervenzellen im Gehirn. Warum das so ist, ist noch nicht abschließend geklärt. Eine wichtige Rolle aber spielen Eiweißablagerungen, die die Nervenzellen schädigen. Die zweithäufigste Demenz-Form ist die sogenannte Multiinfarkt-Demenz mit bis zu 30 Prozent der Betroffenen. Bei dieser Art der Demenz verursachen kleine und große Hirninfarkte die Gedächtnisstörung.

Welche Chance hat eine Therapie?

Generell gilt: Je frühzeitiger und gezielter die Behandlung einsetzt, desto besser ist der Erfolg. Zunächst ist aber eine umfassende Diagnostik wichtig, um einordnen zu können, ob es sich bei den Beschwerden überhaupt um eine Demenz handelt und wenn ja, um welche Form.

Zur Demenz-Diagnostik gehören:

  • Erhebung der Krankengeschichte
  • Körperliche Untersuchung
  • Kritische Durchsicht der Medikamente, die demenzverstärkend wirken können
  • Neuropsychologische Tests zur Erfassung der geistigen Fähigkeiten
  • Funktionstest zur Überprüfung der Alltagsfähigkeiten
  • Hirnwasseruntersuchung zur Bestimmung demenzanzeigender Marker
  • Bildgebende Verfahren, die andere Ursachen eines Gedächtnisverlusts ausschließen helfen

Auf der Grundlage der Befunde wird die Therapie spezifisch ausgerichtet. Setzt die Behandlung in der Anfangsphase der Erkrankung ein, können Medikamente den Demenzprozess für über ein Jahr hinausschieben. Wichtiger als die Demenz-Medikamente ist aber die geistige Anregung, die in Tageskliniken und spezialisierten Einrichtungen vor allem durch die Ergo- und Physiotherapie angeboten wird. Dabei geht es darum, verlorengegangene Kompetenzen zu reaktivieren und so lang wie möglich auch Neues zu lernen. Denn ist eine Demenz einmal eingetreten, wird ein Neu-Lernen und vor allem die Neuorientierung in unbekannter Umgebung immer schwieriger. Wenn dann ein Umzug in eine neue Umgebung (Betreutes Wohnen oder Pflegeheim) ansteht, verschlechtert sich der Zustand oftmals. Therapeutisch steht in diesem Stadium im Vordergrund, die noch vorhandenen Fähigkeiten so lang wie möglich zu erhalten. Dafür arbeiten Pflegekräfte und Therapeuten nach einem speziellen Konzept. Ein wichtiger Grundsatz im Umgang mit den Betroffenen in jeder Phase der Erkrankung heißt: Fördern, nicht fordern.

Ist es möglich, der Demenz vorzubeugen?

In der Öffentlichkeit wird die Demenz oft als unabwendbares Schicksal dargestellt. Dr. Alexander Reinshagen widerspricht: „Zehn Prozent der Betroffenen müssten gar nicht dement werden“, sagt er. „Es gibt Stoffwechselstörungen und vor allem den sog. ‚Normaldruck-Hydrocephalus‘, die bei zeitigem Erkennen abwendbar sind. Leider sehen wir Neurologen die Patienten häufig erst, wenn der Punkt des Nicht-mehr-Aufhaltenkönnens erreicht ist.“

Aber noch wichtiger als zeitiges Erkennen einer Demenz scheint dem Mediziner die lebenslange Vorbeugung, vor allen anderen Dingen hat der Lebensstil Einfluss auf die Vermeidung bzw. Verzögerung einer Demenz. Bewegung, gesunde Ernährung, Verzicht auf Nikotin und übermäßigen Alkoholkonsum sind ein wichtiger Schutz gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die zum Beispiel Hirninfarkte und damit eine Demenz auslösen können. Was gut für das Herz ist, ist also auch gut für das Gehirn! Aber nicht nur der Körper, vor allem der Geist sollte fit gehalten werden. Entgegen weitläufiger Annahmen hilft allerdings das Kreuzworträtseln dabei wenig, denn es werden nur Erinnerungen abgefragt. Vielmehr braucht das Hirn neue Nahrung und die bekommt es vor allem mit kreativen Tätigkeiten, wie dem Kochen mit ungewöhnlichen Zutaten, dem Reisen, dem Entdecken neuer Medien, dem Spielen unbekannter Spiele gemeinsam mit Familie und Freunden. „Das Gehen neuer Wege ist gerade im Alter wichtig“ sagt auch Dr. Alexander Reinshagen „In unserer Klinik setzen wir zum Beispiel die X-Box mit Bewegungsspielen, das Wii Balance Board oder virtuelles Kegeln für ältere Patienten ein. Dies habe ich auch in Alten- und Pflegeheimen empfohlen.“