25. Juli 2018 von Philipp Jauch in Newsroom
© Neurologischen Rehabilitationszentrum QuellenhofProfessor Dr. Peter Flachenecker ist Chefarzt im Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof.
© Neurologischen Rehabilitationszentrum Quellenhof

„Wir nehmen niemandem den Führerschein weg“

Im Gespräch mit Professor Dr. Peter Flachenecker

Im Interview spricht der Neurologe über Autofahren trotz Krankheit, die Eigenverantwortung des Einzelnen und die Notwendigkeit von Eignungsuntersuchungen.

Herr Professor Flachenecker, in Deutschland sind 64 Millionen Autos zugelassen. Die persönliche Mobilität hat hierzulande einen hohen Stellenwert. Der Verlust der Fahrerlaubnis wird entsprechend emotional diskutiert. Spüren Sie das auch im Gespräch mit ihren Patienten?

Selbstverständlich. Die Sorge, aufgrund einer neurologischen Erkrankung die Fahrerlaubnis zu verlieren existiert. Deshalb ist es sehr wichtig, sich Zeit für die Patienten zu nehmen und ihnen im Gespräch zu vermitteln, worin die Einschränkungen bestehen und welchen Weg wir beschreiten können, um eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr zu ermöglichen. Und auch in dem Fall, dass ein Patient dauerhaft nicht mehr Auto fahren kann, muss man ihn unterstützen und Alternativen aufzeigen.

Welche Voraussetzungen müssen Menschen mit einer neurologischen Erkrankung erfüllen, wenn sie sich hinters Steuer setzen wollen?

In der Fahrerlaubnisverordnung steht geschrieben, dass jeder vor Fahrtantritt prüfen muss, ob er „kraftfahrtauglich“ ist. Dabei handelt es sich sowohl um eine Beurteilung der akuten Situation als auch um die grundsätzliche Fahreignung einer Person. Die Frage lautet schlicht: Kann ich grundsätzlich und in diesem Augenblick Auto fahren?

Was ist der Unterschied zwischen Fahrtauglichkeit und Fahreignung.

Sie können aufgrund Ihrer körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit über die Eignung verfügen, ein Kraftfahrzeug zu führen und die rechtlichen Voraussetzungen durch den Erwerb des Führerscheins erfüllen. Dennoch kann die Fahrtauglichkeit in bestimmten Situationen nicht gegeben sein – etwa, weil Sie Alkohol getrunken, Medikamente eingenommen oder eine vorübergehende gesundheitliche Beeinträchtigung haben.

Es gibt bei neurologischen Erkrankungen Beschwerden, die treten plötzlich auf – denken Sie beispielsweise an eine einschießende Spastik. Kann man von einem Menschen wirklich verlangen, dass er seine Fahrtauglichkeit stets richtig einschätzt?

Diese Frage ist häufig Gegenstand von Gerichtsverfahren nach Unfällen. Dann geht es darum zu beurteilen, inwieweit der Betroffene von seiner Erkrankung gewusst hat und ob ähnliche Beschwerden schon einmal aufgetreten sind. Ist das der Fall, muss ein Patient solche Extremsituationen berücksichtigen und verantwortungsbewusst entscheiden, ob er sich hinters Steuer setzen möchte oder nicht. In jedem Fall sollte er seinen Arzt um Rat fragen und das Thema Autofahren ansprechen.

Die Verantwortung liegt also allein beim Verkehrsteilnehmer. Gibt es denn keine Bestimmungen, in denen klar geregelt ist, wann neurologisch erkrankte Menschen Auto fahren dürfen und wann nicht?

Es gibt die Fahrerlaubnisverordnung und die Richtlinie zur Beurteilung der Kraftfahreignung, die normativen Charakter hat. Darin sind mitunter sehr präzise Vorgaben enthalten. Bei der Beurteilung müssen zum einen die körperlichen und geistigen Voraussetzungen geprüft werden, zum anderen aber auch das Risiko, plötzlich nicht mehr adäquat reagieren zu können, wie es beispielsweise bei epileptischen Anfällen, einem Bewusstseinsverlust anderer Ursache, einem Rezidiv-Schlaganfall oder eben der oben erwähnten einschießenden Spastik der Fall sein kann.

Wie kann man Patienten helfen, trotz gesundheitlicher Einschränkung sicher Auto zu fahren?

Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn die Einschränkungen körperlicher Natur sind, kommen technische Umbauten am Fahrzeug infrage. Die Technik ist heute so ausgereift, dass selbst Menschen mit einer hohen Querschnittlähmung in der Lage sind, ein Auto ohne fremde Hilfe beispielsweise mit einer Joystick-Steuerung sicher zu fahren. Bei Einschränkungen der Aufmerksamkeit, Konzentration, der Wahrnehmungsfähigkeit oder des Gesichtsfeldes ist es schwieriger. Da muss man genau untersuchen, ob die Eignung zum Führen eines Fahrzeugs gegeben ist und wie diese gegebenenfalls durch eine gezielte Therapie wieder erlangt werden kann.

Muss ein Autofahrer, der an einer neurologischen Erkrankung leidet, gegenüber der Fahrerlaubnisbehörde nachweisen, dass er zum Autofahren in der Lage ist?

Der Verkehrsteilnehmer muss selbst beurteilen, ob er zum Zeitpunkt des Fahrtantritts fahrtauglich ist. Er ist hingegen nicht verpflichtet, bei der Behörde zu melden, wenn er einen Schlaganfall hatte. Auch der behandelnde Arzt wird das nicht tun. Wir nehmen niemandem den Führerschein weg, sondern unterstützen den Patienten dabei, seine Fähigkeiten richtig einzuschätzen und mit möglichen Einschränkungen adäquat umzugehen.

Senioren gehören neben Fahranfängern zu denjenigen, die die meisten Unfälle verursachen. Oft mit schlimmen Folgen. Viele fordern seit langem eine regelmäßige Fahreignungsuntersuchung, wie es sie in anderen europäischen Ländern längst gibt.

Die Fahreignung ist nicht notwendigerweise eine Frage des Alters. Es gibt 80-Jährige, die geistig und körperlich in der Lage sind, ein Fahrzeug sicher zu führen. Andere hingegen haben mit erheblichen Einschränkungen zu kämpfen. Um die Sicherheit im Straßenverkehr zu erhöhen wäre es daher sicherlich sinnvoll, ab einem bestimmten Alter eine verpflichtende Eignungsuntersuchung vorzuschreiben, wie sie beispielsweise für LKW-Fahrer längst gilt. Wer den Test besteht, darf fahren, wer seine Fahreignung nicht unter Beweis stellen kann, muss das Auto stehen lassen. Allerdings müssten Politik und Gesellschaft dann auch Alternativen anbieten, um die Mobilität der älteren Menschen zu gewährleisten – in der Stadt und auf dem Land.