2. Juli 2018 von Philipp Jauch in Newsroom
© Sana Kliniken DuisburgChefarzt Professor Dr. Peer Abilgaard ist Psychaiter an den Sana Kliniken Duisburg.
© Sana Kliniken Duisburg

Die Macht der Niederlage

Im Gespräch mit dem Psychiater Professor Dr. Peer Abilgaard

Nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM in Russland herrschen Ratlosigkeit und Frust.

Der Psychiater Professor Dr. Peer Abilgaard von den Sana Kliniken Duisburg über Erwartungsdruck von außen, die Kraft der Resilienz und den Tod als Ratgeber.

Herr Professor Abilgaard, nach dem Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft ist eine große Diskussion entbrannt – über die Leistungsfähigkeit der Mannschaft, über Charakter, Willensstärke aber auch über personelle Konsequenzen. Wie schätzen Sie als Facharzt die psychische Situation der Mannschaft ein – was geht in den Köpfen vor?

Die Situation, in denen sich die Spieler, der Trainer und der ganze Führungsstab befinden, ist sehr komplex. Von außen betrachtet geht es vordergründig darum, eine Niederlage zu verarbeiten. In Wahrheit steckt aber viel mehr dahinter: Es geht um die Enttäuschung, das man den eigenen Ansprüchen nicht genügt haben könnte – aber auch um die Ansprüche von Außenstehenden, die bei einem Ereignis wie der Weltmeisterschaft eine ungeheure Dimension annehmen können.

Welche Rolle spielen die Erwartungen der Fans für die Mannschaft und für jeden Einzelnen?

Bei solchen Sportereignissen gibt es das Phänomen, dass Menschen ihre Hoffnungen und Erwartungen in die Leistungsträger hinein projizieren. Dadurch entsteht eine zweite Dimension: die eigene (Un-) Zufriedenheit und die Bewertung der anderen, derer man sich als Profisportler nicht entziehen kann.

Ist den Spielern bewusst, dass sie die Projektionsfläche für Wünsche und Sehnsüchte eines Millionenpublikums sind?

Im Zeitalter von Social Media kommt es zu einer stärkeren Durchdringung der großen anonymen Masse. Das bedeutet nicht zwangsläufig mehr Nähe, aber man bekommt die Erwartungen des Publikums mitunter in einer sehr direkten, zugespitzten Form mit. In den kurzen Interviewsequenzen von Neuer und Müller war spürbar, dass sie die Stimmung der Fans wahrgenommen und direkt darauf reagiert haben – bis hin zu der Entschuldigung für eine enttäuschende Leistung.

Die Enttäuschung über das Vorrundenaus ist den Beteiligten ins Gesicht geschrieben. Dennoch muss es irgendwie weitergehen. Was kann man tun, um nach einer solchen Niederlage wieder Mut zu fassen, Herausforderungen beherzt anzupacken?

Unabhängig vom Fußball verarbeiten Menschen Niederlagen oder Schicksalsschlägen sehr unterschiedlich. Manche tun sich sehr schwer damit, überhaupt zu realisieren, dass es im Leben Enttäuschungen geben kann. Dann muss man zunächst einmal erklären, dass Rückschläge zum Leben gehören und jeder mit Belastungssituationen zu tun hat. Sie zu meistern ist eine Lebensaufgabe, die uns alle eint.

Wie kann das gelingen?

Entscheidend ist, wie es um die Resilienz, gewissermaßen das „psychische Immunsystem“ des Menschen, bestellt ist. Und auch das ist sehr individuell. Manchen trauern sehr lange, andere haken Probleme schneller ab. Manche ziehen sich zurück, andere suchen die Gemeinschaft. Da gibt es kein Patentrezept. Allerdings hat die Forschung gezeigt, dass es Persönlichkeitseigenschaften und Rahmenbedingungen gibt, die die Bewältigung von schwierigen Situationen begünstigen.

Welche sind das?

Es sind Persönlichkeitseigenschaften, die im ersten Moment trivial wirken, die aber eine ungeheure Wirkung entfachen. Dazu gehören Humor und Optimismus ebenso wie soziale Beziehungen. Auch die Fähigkeit zur Selbstreflexion ist resilient. Wer es schafft, einen Perspektivwechsel zu vollziehen und eine Situation von verschiedenen Seiten zu betrachten, tut sich leichter das Geschehene zu analysieren und die nötigen Schritte für die Zukunft daraus abzuleiten. Und nicht zuletzt hilft auch die Erfahrung, dass man unangenehme Situationen in der Vergangenheit gemeistert hat und das es immer weiter geht.

Stress und Leistungsdruck sind Teil des Lebens geworden. Im beruflichen Umfeld können viele Menschen gut damit umgehen. Schwierig wird es häufig, wenn Probleme im Privaten auftreten. Woran liegt das?

Dafür gibt es eine ganze Reihe von Erklärungsansätzen. Häufig ist es so, dass Belastung im Job kontinuierlich entsteht, Schippchen für Schippchen. Es kommt zu Additionsprozessen, wodurch kumulativer Stress entsteht. Wenn dann beispielsweise die Ehe in die Brüche geht, ist das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Die zweite Dimension des Phänomens ist die emotionale Verwicklung. Am besten schaffen es diejenigen mit Belastungen umzugehen, die strikt zwischen der Sachebene und den eigenen Emotionen trennen können. Probleme im familiären Bereich kann man aber nicht ohne emotionale Gebundenheit betrachten. Das macht sie für viele Menschen so schwer handhabbar. Zu guter Letzt trägt eine haltgebende Beziehung auch zur Resilienz bei. Wenn also der Rückhalt durch die Familie verloren geht, werden Probleme häufig als schwerwiegender wahrgenommen und man gelangt leichter aus der Balance.

Sie haben Bedingungen genannt, die es erleichtern, mit schwierigen Situationen umzugehen, etwa Humor, Optimismus und Freundschaften. Was aber, wenn ich all das nicht habe?

Da muss man im Einzelfall genau hinsehen, worin das Problem liegt. Wenn jemand Depressionen hat, bekommt er in der Regel Psychotherapie. Da geht es um das Innenleben des Patienten, darum sich anzuschauen, wie sich der Mensch fühlt, was ihn bewegt. Ganz wichtig dabei ist die Würdigung des Patienten, dass er sagen darf, dass etwas belastend ist und die Möglichkeit hat, sich zu öffnen. In einer zweiten Phase schaut man sich die Überlebenskunst an, das heißt, man richtet den Blick auf die Dinge, die den Menschen ausmachen – auf Leidenschaften und Fähigkeiten. Moderne Psychotherapeuten arbeiten deshalb ressourcenorientiert und resilienzstärkend. Es gibt eine Fülle von Übungen, die darauf abzielen, sich die eigenen Fähigkeiten bewusst zu machen und zu würdigen.

Die psychische Gesundheit ist längst zu einem gesellschaftlichen Thema geworden – nicht zuletzt dadurch, dass prominente Persönlichkeiten ihre Burnout-Erkrankung öffentlich gemacht haben. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Als Burnout vor zehn, fünfzehn Jahren erstmals breiter thematisiert wurde, herrschte in Fachkreisen eine gewisse Skepsis. Auf der anderen Seite waren wir froh, dass Leute über den Begriff Burnout den Weg zu uns gefunden haben, die sonst nie über die Schwelle eines Psychiaters gegangen wären. Die Diskussion über Burnout hat geholfen, dass wir mit mehr Leuten in Kontakt kommen – und ihnen so ganz individuell helfen können.

Die Beschwerden der Menschen waren also schon immer da, nur der Begriff ist neu?

Hinter vielen Fällen von Burnout stecken ernst zu nehmende Erkrankungen, die man, wenn sie erst einmal erkannt sind, gut behandeln kann. Auf der anderen Seite ist es so, dass die Verdichtung von Arbeitsprozessen in den letzten Jahrzehnten enorm zugenommen hat. Dieser Trend ist meiner Ansicht nach noch nicht abgeschlossen.

Was bedeutet das für die Arbeitnehmer und für Sie als Psychiater?

Ich versuche immer dafür zu werben, eine Situation von verschiedenen Seiten zu betrachten. Man sollte die Überlastungssituation nicht als persönliches Problem wahrnehmen, das sich alleine dadurch lösen ließe, dass man die eigene Einstellung und das eigene Verhalten ändert. Genauso wichtig ist es, mit Personen in Kontakt zu treten, die einem helfen können, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Wer das Gefühl hat, gesundheitlich permanent auf der Felge unterwegs zu sein, sollte das Gespräch mit seinem Chef suchen, um gemeinsam Lösungsstrategien im Sinne des Unternehmens zu erarbeiten. Sonst gehen die Krüge zum Wasser bis sie brechen.

Überlastung im Beruf, Probleme in der Familie bis hin zu Krankheit oder dem Verlust eines geliebten Menschen: Die Gründe für Niedergeschlagenheit sind vielfältig. Was raten Sie Menschen, die sich in einer derartigen Ausnahmesituation befinden – gibt es einen Notfallplan?

Zunächst einmal, hören Sie nicht auf kluge Ratgeber oder auf Dr. Google, sondern auf die eigene innere Stimme, die Ihnen unter Umständen etwas ganz anderes sagt als vermeintlich noch so schlaue Ratgeber. Vielen Menschen in Notsituationen tut es gut, wenn Menschen in der Nähe sind, denen Sie vertrauen. Wenn der erste Schock überwunden ist, sollte man sich darüber klar werden, ob das, was passiert ist, nur wichtig gewesen ist, oder ob es für das Leben, für einen persönlich wesentlich ist – also wirkliche, nachhaltige Bedeutung hat.

Woran erkenne ich, ob etwas wesentlich ist?

Die Nervenärztin, Psychoanalytikerin und Traumatherapeutin Luise Reddemann hat hierzu eine interessante Übung entwickelt: „Tod als Ratgeber“. Man stellt die Frage, was ein Mensch tun würde, wenn er wüsste, er hat noch drei Monate zu leben. Was würde er in dieser Zeit tun an Dingen, die ihm wichtig sind. Diese Zeitspanne kann man immer weiter verkürzen bis hin zu einer Stunde. Dieses Gedankenspiel hilft oft sehr dabei zu unterscheiden zwischen wichtig und wesentlich. Da wird einem schlagartig klar, wo die persönlichen Prioritäten liegen.