25. Mai 2018 von Beatrice Pietsch in Newsroom
© Sana Kliniken Leipziger Land

Einnässen: So können Sie Ihrem Kind helfen

Im Gespräch mit Dr. Thomas Woller, Oberarzt am Beckenboden-Kompetenzzentrum an den Sana Kliniken Leipziger Land.

Die Kindliche Inkontinenz ist keineswegs mit Inkontinenz im Erwachsenenalter zu vergleichen, denn die Ursachen sind bei Kindern andere.

Viele Eltern kennen die Situation, aber kaum einer redet darüber: Das Kinderbett in der Früh ist wieder einmal nass, der Nachwuchs wie die Eltern entmutigt. Dass ein zwei- bis dreijähriges Kind noch Windeln braucht, wird niemanden wundern. Was aber, wenn die Einschulung vor der Tür steht oder dem Nachwuchs in der ersten Klasse plötzlich wieder tagsüber ein „kleines Malheur“ passiert? Wenn die Angst vor dem Einnässen die Vorfreude auf die erste Klassenfahrt nimmt? Dr. Thomas Woller, Oberarzt am Beckenboden-Kompetenzzentrum an den Sana Kliniken Leipziger Land gibt Tipps, wie Kinder trocken werden können und zeigt Hilfe für den Weg dorthin auf.

Herr Dr. Woller, was sagen Sie Eltern als erstes, wenn Sie zu Ihnen kommen?

Viele Eltern wissen gar nicht, dass ihr einnässendes Kind keine Ausnahme ist, sondern viele Leidensgenossen in Deutschland hat – etwa zehn bis 15  Prozent der Sechsjährigen sind noch nicht vollständig trocken. Aber Einnässen ist vielfach noch immer ein Tabuthema. Dafür gibt es jedoch keinen Grund. Weder das Kind noch die Eltern machen etwas falsch. Und in vielen Fällen ist das Problem gut und einfach behandelbar.

Worin liegen denn die Ursachen für kindliches Einnässen?

Häufig liegt beim Einnässen eine Reifungsverzögerung zugrunde. So wie nicht alle Kinder zur gleichen Zeit laufen lernen, lernen sie auch nicht zur gleichen Zeit, ihre Blase zu kontrollieren. Weitere Ursachen können die falsche Trinkgewohnheiten, eine vermehrte nächtliche Urinproduktion oder sozialen Stressfaktoren wie der Schulstart sein. Mit Schuleintritt kommt ein veränderter Rhythmus hinzu: Die Kinder müssen die Unterrichtsstunde über stillsitzen und können nicht einfach auf die Toilette gehen. Zudem sind sie oftmals so sehr auf den Stoff konzentriert, dass sie gar nicht merken, wie sich ihre Blase entleert. Aber natürlich gibt es auch organische Ursachen, wie beispielsweise Fehlbildungen des Harntraktes, die sich oftmals durch Harnwegsinfektionen bemerkbar machen. Diese sollten in jedem Fall umgehend abgeklärt und gegebenenfalls medikamentös behandelt werden, wenn die Ursache beispielsweise an einer veränderten Hormonregulation liegt.

Wie können Eltern ihre Kinder beim „Trockenwerden“ unterstützen?

Zunächst einmal steht das Optimieren der Trink- und Toilettengewohnheiten des Kindes im Mittelpunkt. Viele Eltern lassen im ersten Impuls ihre Kinder weniger trinken. Das ist jedoch genau die falsche Reaktion. Wichtig ist, dass die Kinder vor allem vormittags ausreichend Flüssigkeit zu sich nehmen. Optimal ist ein halber Liter, den sich der Nachwuchs in den Schulpausen bis zum Mittag hin einteilt. Zur Orientierung kann die Menge pro Pause auch mit Strichen an der Flasche gekennzeichnet werden. Über den gesamten Tag hinweg sollte ein Liter Flüssigkeitsaufnahme angestrebt werden, davon bestmöglich Dreiviertel bis etwa 17 Uhr. So ist die Urinmenge in der Blase nachts nicht zu hoch.

Sie haben vorhin auch vom Optimieren der Toilettengewohnheiten gesprochen. Wir können Eltern das angehen?

Die kindliche Blase kann speziell trainiert werden, indem Eltern Toilettengänge in einem festen Rhythmus einführen. Am sinnvollsten sind fünf feste Zeiten: Morgens direkt nach dem Aufstehen, in der Frühstückspause zwischen 9 – 10 Uhr sowie in der Mittagspause zwischen 11 – 12 Uhr. Am Nachmittag sollte dann zwischen 15 – 16 Uhr nochmals die Blase entleert werden und natürlich abends vor dem Schlafengehen. Ganz wichtig: Lassen Sie Ihr Kind in jedem Fall auf die Toilette gehen, ob es muss oder nicht. Das verbessert die Körperwahrnehmung und die bewusste Steuerung der Blase wird trainiert.

Immer wieder liest man im Zusammenhang mit kindlichem Einnässen von Klingelhosen oder –matten. Inwieweit können diese hilfreich sein?

Dabei handelt es sich um eine Unterhose bzw. Schlafmatratze, die bei erstem Kontakt mit Urin, durch einen eingearbeiteten Feuchtigkeitsfühler, ein akustisches Signal aussendet. Das Kind wird – durch das Signal oder die Eltern – geweckt, wenn die Blase noch gefüllt ist. Entscheidend ist, dass das Kind auch wirklich wach ist und wahrnimmt, dass es auf Toilette geschickt wird. So lernt der Körper selbstständig wach zu werden und auf den Harndrang zu achten. Dieses Hilfsmittel sollten Sie allerdings nur anwenden, wenn Ihr Kind tagsüber bereits trocken ist. Nach fünf bis zwölf Monaten gibt sich dann oftmals auch das nächtliche Einnässen. Die Kinder brauchen meist einfach nur ein wenig Zeit.

Welche Tipps können Sie für diese Zeit bis zum endgültigen „Trockensein“ noch geben?

Reden Sie mit Ihrem Kind offen darüber und beziehen Sie es aktiv mit ein, zum Beispiel wenn die Bettwäsche gewechselt wird. Belohnen Sie trockene Tage und Nächte mit Dingen, die Sie beispielsweise als Familie unternehmen. Und machen Sie ihm bitte keine Vorwürfe. Denn kein Kind nässt mit Absicht ein. Mit einer individuell angepassten Therapie lernen bis zu 80 Prozent der Kinder, ihre Blase zu kontrollieren.