28. April 2018 von Pascal Petry in Newsroom
© Sana Klinikum Offenbach

„Kinder haben im Bereich des Grills nichts zu suchen“

Im Gespräch mit Professor Dr. Henrik Menke vom Sana Klinikum Offenbach

Tipps vom Chefarzt: Was nach einem Grillunfall zu tun ist.

Sommerzeit ist Grillzeit. Kaum kämpfen sich die ersten warmen Sonnenstrahlen durch den gefühlt monatelang grauen und tristen Winterhimmel und lassen das Thermometer erstmals die 20-Grad-Marke knacken, entstauben die Menschen ihre Grills, plündern die Fleischvorräte des Metzgers ihres Vertrauens und brutzeln los was das Zeug hält. Doch trotz aller gefühlten Routine beim Umgang mit offenem Feuer und extremer Hitze birgt das Grillen bei unsachgemäßem Verhalten auch viele Risiken. Grillunfälle sind leider keine Seltenheit und können vor allem für Kinder fatale Folgen haben. Prof. Dr. Henrik Menke ist Chefarzt der Klinik für „Plastische und Ästhetische Chirurgie, Handchirurgie“ am Sana Klinikum Offenbach und Leiter des dortigen Zentrums für Schwerbrandverletzte. Der erfahrene Mediziner spricht über die Tücken im Umgang mit Feuer und verrät, wie man sich nach einem Grillunfall richtig verhält.

Gibt es saisonale Häufungen bei den Verbrennungsverletzungen? Im Sommer denkt man bei Verbrennungen gleich an Grillen oder Lagerfeuer.

Prof. Dr. Henrik Menke: „Tatsächlich nehmen mit Beginn der wärmeren Jahreszeit Verbrennungen durch Unfälle beim Grillen oder am Lagerfeuer schlagartig zu. Diese passieren vor allem durch den unsachgemäßen Umgang mit Brandbeschleunigern als Grillanzünder und nachfolgenden Verpuffungen. Besonders Kinder sind betroffen, die die drohenden Gefahren noch nicht einschätzen können. Während für Kleinkinder der gefährlichste Ort die Küche ist, verbrennen sich ältere Kinder meistens beim direkten Umgang mit Feuer, also beispielsweise durch unsachgemäßen Umgang mit Spiritus am Grill.“

Warum sind gerade Kinder so gefährdet?

„Die meisten der rund 4000 jährlichen Grillunfälle in Deutschland passieren aus Unkenntnis, Leichtsinn oder wegen ungeeigneter Gerätschaften. Dabei erleiden etwa 400 Menschen, darunter 200 Kinder, schwere Verbrennungen mit bleibenden Schäden. Gerade Kinder sind besonders gefährdet, weil sie sich in der Regel auf Gesichtshöhe mit dem Grill befinden. Generell gilt: Kinder haben im Bereich des Grills nichts zu suchen!“

Wie unterscheiden sich Brandverletzungen von Kindern zu Erwachsenen?

„Die kindliche Haut ist dünner als die des Erwachsenen und deshalb auch weniger widerstandsfähig. Dadurch reagiert sie auch besonders empfindlich auf höhere Temperaturen. Kleinkinder erleiden daher schnell tiefere und schwerere Brandverletzungen. Meist  ist  erst nach einigen  Tagen festzustellen, wie tief die Verbrennung tatsächlich ist. Schon in wenigen Sekunden können über 50 Grad heiße Flüssigkeiten die kindliche Haut vollständig zerstören. Dann spricht man von Verbrennungen dritten Grades. Sind mehr als zehn Prozent der Hautoberfläche betroffen, wird es für das Kind kritisch. Je kleiner das Kind ist, umso gefährlicher ist dies.“

 Wie werden schwere Verbrennungen von Erwachsenen im Klinikum behandelt?

„Die Behandlung erwachsener und kindlicher Verbrennungen ist sehr ähnlich. Während oberflächliche Verbrennungen unter fachgerechter Behandlung weitgehend folgenlos abheilen können, führen tiefere Verbrennungen oder Verbrühungen immer zu lebenslangen Narben. Die Hautschädigung verlangt zur Wiederherstellung der intakten Hautoberfläche hier in der Regel eine Hauttransplantation, denn eine alleinige Regeneration ist nicht mehr möglich.“

Welche Fortschritte hat die moderne Medizin in diesem Bereich gemacht?

„In allen Fällen ist es unser oberstes Ziel, eine Verletzung so zu behandeln, dass nur wenige sichtbare Narben oder gar funktionelle Störungen zurückbleiben. Gerade die modernen Verfahren ermöglichen ein ästhetisches Ergebnis mit nur wenig sichtbaren Narben. Ausgedehntere Verbrennungsnarben können aber auch noch nach Jahren zu Beschwerden führen, die eine operative Korrektur erfordern. Eine solche Entwicklung frühzeitig zu erkennen, ist Aufgabe regelmäßiger Kontrollen mit entsprechender fachlicher Expertise. Notwendige plastisch-chirurgische Korrekturmaßnahmen sind dann umgehend einzuleiten.“

Schon ein kurzer Moment der Un­acht­samkeit kann zu einer Verbrennung oder Verbrühung führen. Welche Sofortmaßnahmen sollten im Unglücksfall eingeleitet werden?

„Hier gilt, die 20-20-Regel zu beachten: Der betroffene Körperteil sollte – sofern es möglich ist – sofort bis maximal 20 Minuten lang unter 20 Grad, also handwarmes,  Leitungswasser gehalten werden. Oberstes Gebot hierbei ist es, Unterkühlungen zu vermeiden!  Durchnässte Kleidung ist sofort zu entfernen, aber nur, wenn sie nicht auf der Haut haftet oder eingebrannt ist.“

Was halten Sie von Kühlakkus, Eiswürfeln oder Quark als Hausmittel bei leichten Brandverletzungen?

„Eis oder Kühlakkus sollen nicht verwendet werden, sie können sogar schaden. Dies gilt auch für sogenannte Hausmittel, wie aufgeschnittene Zwiebeln, Mehl, Butter, Quark, Joghurt oder Öl. Für die gilt: Finger weg davon! Der Arzt muss die Wunde unverändert beurteilen und versorgen können.“

Gibt es Salben aus der Apotheke, die prophylaktisch gekauft werden können und die Sie empfehlen können?

„Es gibt spezielle Verbandsets, in denen sterile Kompressen und Verbandtücher enthalten sind. Diese sind für eine vorübergehende Wundabdeckung geeignet und ausreichend. Brandgele sollten nur auf geschlossene Wunden aufgebracht werden.“

 Wie geht man zuhause am besten mit Brandblasen um?

„Brandblasen sollten durch eine medizinische Fachkraft unter sterilen Bedingungen abgetragen werden. Manipulationen zu Hause sind ungeeignet und erhöhen das Risiko für Infektionen.“

Das heißt, trotz dass jede Brandverletzung medizinisch begutachtet werden sollte?

„Ja, hat man die genannten Schritte der Erstversorgung befolgt, sollte jede Brandverletzung umgehend ärztlich begutachtet werden. Bei schweren Verletzungen muss zudem unbedingt die Notrufnummer 112 gewählt werden.“

Das Schwerbrandverletztenzentrum für Erwachsene und Kinder am Sana Klinikum Offenbach ist neben Kassel das einzige in Hessen. Pro Jahr werden in Offenbach über 200 schwerbrandverletzte Erwachsene und Kinder stationär behandelt. Damit gehört das Zentrum zu den größten Einrichtungen dieser Art in Deutschland. Aufgrund seiner zentralen Lage und der Nähe zum Frankfurter Flughafen hat es nicht nur nationale, sondern auch internationale Bedeutung.