13. April 2018 von Beatrice Pietsch in Newsroom
© Karl-Olga-KrankenhausPD Dr. Thomas Ebinger ist Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Mikrochirurgie am Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart.
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Sollbruchstelle Kahnbein: Warum der genaue Blick des Handchirurgen so wichtig ist

Im Gespräch mit dem Handchirurgen PD Dr. Thomas Ebinger.

Frühjahrszeit ist Radsportzeit: Ob Rennradler oder Mountainbiker – die Freude an der Bewegung wird immer wieder jäh getrübt von schweren Stürzen.

PD Dr. Thomas Ebinger, Chefarzt der Klinik für Hand-, Plastische und Mikrochirurgie am Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart, erklärt, welche Handverletzungen besonders häufig vorkommen, wie gute Prävention aussieht und weshalb im „Falle des Falles“ der Gang zum Spezialisten entscheidend ist.

Herr Dr. Ebinger, die ersten Radler haben in den vergangenen Tagen bereits ihr Frühjahrstraining wieder aufgenommen. Welche Verletzungen werden Sie in den kommenden Monaten in Ihrer Sprechstunde am häufigsten sehen?

Eine häufige Sportverletzung an der Hand stellt der Sturz auf das überstreckte Handgelenk dar. Hierbei kommt es zu einer Druckbelastung zwischen dem Kahnbein und der körperfernen Speiche, was sowohl einen Bruch der Speiche als auch des Kahnbeins zur Folge haben kann. Grundsätzlich führen die gleichen Verletzungen beim jungen Patienten eher zu einer Kahnbeinfraktur. Beim älteren Patienten kommt es aufgrund der Kalksalzminderung auf dem Boden einer Osteoporose eher zu einem Bruch der körperfernen Speiche. Eine weitere Verletzung ist der sogenannte „Skidaumen“. Eine Bandverletzung des Daumengrundgelenks, die man vor allem aus dem Winter kennt, wenn Skifahrer mit ihrem Daumen am Skistock hängen bleiben. Sie tritt aber oftmals auch bei Mountainbikern auf, die im Gelände stürzen.

Die Verletzungen an der Hand sind also prinzipiell auch altersabhängig?

Durchaus. Und dies auch und vor allem in Alltagssituationen. So ziehen sich Kleinkinder häufig Quetschverletzungen der Finger an Türen und Schubladen zu. Im Kindergartenalter kommt es vielfach auch zu Verbrennungen, da die Kinder über Kopf Töpfe von der Herdplatte ziehen können. Bei Jugendlichen haben wir es dann mit klassischen Sportverletzungen der Finger und des Handgelenkes zu tun. Im Erwachsenenalter ziehen sich Handwerker oftmals schwere Verletzungen mit Kreissägen oder ähnlich rotierenden Maschinen zu, welche auch zu einer Amputation von Fingern oder Handanteilen führen können. Im Freizeitbereich stehen die Verletzungen bei der Gartenarbeit sowie die Sportverletzungen der Hand im Vordergrund.

Gerade Sportler unterschätzen gerne ihre Verletzungen und gehen irrtümlicherweise davon aus, dass die Hand nur geprellt ist. Wie erkenne ich eine schwerwiegendere Verletzung und ab wann ist es ratsam, einen Spezialisten aufzusuchen?

Verletzungen der Hand und des Handgelenks werden sowohl von Patienten als auch von Ärzten häufig unterschätzt. Die feinen und kleinen Handwurzelknochen können Brüche aufweisen, die anhand normaler Röntgenaufnahmen nicht erkannt werden können. Somit stellen diese Verletzungen oftmals die Notwendigkeit einer weiteren Abklärung mithilfe eines CTs oder MRTs dar. Im Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart diagnostizieren wir in der Klinik für Hand-, Plastische und Mikrochirurgie diese knöchernen Verletzungen mithilfe der Digitalen Volumentomografie (DVT). Mit dieser Technik ist eine gegenüber dem normalen CT höhere Auflösung bei wesentlich niedriger Strahlenbelastung möglich. Zusätzlich kommt es häufig zu Bandverletzungen zwischen den Handwurzelknochen, die, wenn sie übersehen werden, oft mit einem Spätschaden einhergehen. Vorausgegangen sind oftmals Prellungen oder Zerrungen der Hand. Sollte es hier im Verlauf von wenigen Wochen nicht zu einer spontanen Besserung kommen, ist prinzipiell eine umfangreiche Abklärung bei einem Handchirurgen ratsam.

Die menschliche Hand ist ein sehr komplexes Gebilde aus 27 Einzelknochen, zahlreichen Sehnen, Bändern, Nerven und Muskeln, die in enger Nachbarschaft zueinander liegen. Ist das der Grund, weswegen der Gang zu einem Spezialisten bei Handverletzungen besonders anzuraten ist?

Das ist richtig. Die kleinen und feinen Strukturen an der Hand erfordern entsprechende Voraussetzungen, um diese im Falle einer Verletzung adäquat behandeln zu können. Entscheidend sind Lupenbrillen sowie die Anwendung eines Operationsmikroskops, da die Nerven und Gefäße Durchmesser von unter einem Millimeter ausweisen. Das notwendige mikrochirurgische Nahtmaterial hat eine weit geringere Stärke als ein menschliches Haar. Der Handchirurg muss in der Lage sein, sowohl die Knochen- und Gelenkverletzungen versorgen zu können, als auch, analog eines Gefäßchirurgen, feine Gefäße zu nähen. Zudem sind Nervenverletzungen in mikrochirurgischer Technik zu versorgen. In manchen Fällen sind die verletzten Strukturen nicht mehr rekonstruierbar, so dass eine Transplantation von anderen Körperteilen erfolgen muss. Mitunter gibt es auch Verletzungen bei denen plastisch-chirurgischen Maßnahmen angezeigt sind. So sind wir Handchirurgen als Orthopäde, Neurochirurg, Gefäßchirurg sowie als Plastischer Chirurg gefordert. Viele Handverletzungen dürfen daher nur von einigen wenigen spezialisierten Krankenhäusern behandelt werden. Die Hand- und Plastische Chirurgie im Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart ist die einzige im Sana Konzern und eine von wenigen Kliniken in Baden-Württemberg, welche am Schwerstverletztenverfahren der Hand (SAV Hand) von Seiten der Berufsgenossenschaften zugelassen ist. Zusätzlich ist die Abteilung als Hand-Trauma-Zentrum von der Europäischen Fachgesellschaft für Handchirurgie (FESSH) seit 2015 zertifiziert. In Stuttgart erfüllt die Abteilung als Alleinstellungsmerkmal sämtliche Voraussetzungen, um auch schwere Verletzungen an der Hand erfolgreich behandeln zu können und zu dürfen. Dies trifft natürlich auch für die Sportprofis zu.

Kommen wir noch einmal zurück zu den Radsportlern. Dort führen Klickpedale immer wieder zu schweren Stürzen, wenn sich die Radler nicht schnell genug herausklicken können. Welche Verletzungen können daraus resultieren? Und welche Präventionsmaßnahmen sind aus Ihrer Sicht sinnvoll?

Kommen Fahrradfahrer nicht rechtzeitig aus den Klickpedalen, ziehen sie sich bei ihren Stürzen oftmals offene, teilweise auch tiefere, Schürfwunden an Armen und Beinen zu. Die Klickpedale sollten daher entsprechend so eingestellt sein, dass ein Auslösen nicht nur an der Ampel, sondern auch im Notfall jederzeit und zügig möglich ist. Die Verletzungen bei schweren Stürzen aufgrund der fixierten Klickpedale betreffen nicht nur die Hände, sondern vor allem auch die Bein- und Schulterpartie. Empfehlenswert ist daher bei vielen Sportarten, die Gelenke über entsprechende Protektoren zu schützen. Darüber hinaus ist eine umsichtige Fahrweise entsprechend des individuellen Leistungsstandes angeraten, denn auch Protektoren können nicht vor allen schweren Verletzungen schützen.