4. April 2018 von Beatrice Pietsch in Newsroom
© Sana Kliniken Leipziger LandDr. Ralf Sultzer ist Facharzt für Innere Medizin, Angiologie, Geriatrie sowie Sozialmedizin und Chefarzt am Sana Geriatriezentrum Zwenkau.
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Demenz verstehen: Wenn Vergessen zum Problem wird

Im Gespräch mit Dr. Ralf Sultzer

Demenz ist eine der häufigsten Erkrankungen im Alter: Der Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit und die Veränderung der Lebensumstände schwer zu begreifen.

Die Diagnose Demenz stellt das Leben der Betroffenen vollkommen auf den Kopf – und mit ihnen das der Angehörigen. Aktuell sind in Deutschland nach Angaben der Deutschen Alzheimer Gesellschaft etwa 1,6 Millionen Menschen an Demenz erkrankt, bis zum Jahr 2050 werden es etwa drei Millionen sein. Schätzungen zufolge kommen in Deutschland jährlich rund 300.000 Neuerkrankungen hinzu. Zum Tag der älteren Generation spricht Dr. Ralf Sultzer, Facharzt für Innere Medizin, Angiologie, Geriatrie sowie Sozialmedizin und Chefarzt am Sana Geriatriezentrum Zwenkau, über die verschiedenen Arten von Demenz und den Weg der Diagnose. Zudem zeigt er den weiteren Krankheitsverlauf auf und gibt Tipps für pflegende Angehörige.

Herr Dr. Sultzer, die Weltgesundheitsorganisation definiert Demenz als Folge einer chronischen oder fortschreitenden Krankheit des Gehirns, die zu Störungen im Gedächtnis, der Orientierung, der Sprachfähigkeit sowie im Urteilsvermögen führen kann. Zudem können damit auch Veränderungen der emotionalen Kontrolle, des Sozialverhaltens oder der Motivation einhergehen. Wie erkenne ich bei mir selbst oder meinen Angehörigen eine beginnende Demenz?

Zunächst ist festzuhalten, dass es die eine Art von Demenz nicht gibt. Demenz ist ein Sammelbegriff für eine Reihe von Krankheiten, die höchst unterschiedlich verlaufen, aber alle die geistige Leistungsfähigkeit beeinträchtigen. Die häufigste Form der Demenzerkrankung ist die Alzheimer-Demenz. Hierbei kommt es zu Eiweißablagerungen an den Nervenzellen, die die Kommunikation der Nervenzellen untereinander verhindern und Symptome wie Vergesslichkeit, Sprachstörungen und Orientierungsschwierigkeiten auslösen. Die vaskuläre Demenz hingegen wird von Durchblutungsstörungen im Gehirn ausgelöst. Hier kann es zur plötzlichen Verschlechterung der Hirnleistung und zu schlaganfallartigen Symptomen kommen. Grunderkrankung einer vaskulären Demenz können Diabetes, Bluthochdruck oder auch Rhythmusstörungen sein. Weitere Formen sind die Lewy-Körperchen-Demenz und die auch in jüngeren Jahren auftretenden frontotemporalen Demenzen. Die sogenannten sekundären Demenzen hingegen werden durch nicht-hirnorganische Grunderkrankungen, wie Stoffwechselstörungen, Schilddrüsenerkrankungen, Vergiftungen oder Alkoholismus, hervorgerufen. Bei erfolgreicher Behandlung der Grunderkrankungen können sich bei dieser Demenzart die Gedächtnisstörungen zurückbilden.

Sie sehen, es gibt vielfältige Demenzformen. Daher ist es für Betroffene und Angehörige schwierig, eine Demenz schon sehr früh genau zu definieren, zumal nicht selten auch sogenannte Mischformen einer Demenz auftreten können.

Welche Symptome oder Anzeichen können denn für eine Demenz sprechen?

Betroffene vergessen beispielsweise immer wieder, wo sie ihre Brille oder ihre Schlüssel hingelegt haben – und finden sie dann an ungewöhnlichen Orten. Ihnen fallen Worte für Gegenstände des Alltags nicht mehr ein. Sie finden sich in gewohnte Gegenden nicht mehr zurecht, obwohl sie sich dort immer auskannten. Da kann bereits der Gang zum Supermarkt um die Ecke plötzlich ein Problem darstellen. Zudem kann die Stimmung von Demenzerkrankten sehr abrupt schwanken, ohne erkennbaren Grund. Demenzanzeichen sind also höchst unterschiedlich. Auch anhaltende Unruhe, Müdigkeit oder plötzliche Aggressionen können Hinweise auf eine Demenz geben. Nicht selten fallen weniger Appetit, weniger Teilnahme an Gesprächen, weniger Ideen und Aktivitäten, sowie Probleme bei der Bewältigung banaler Alltagsaktivitäten auf.

Wohin können sich Betroffene und Angehörige wenden, wenn sie die von Ihnen angesprochenen Anzeichen bemerken?

Erste Anlaufstelle bei einer im Raum stehenden Demenzerkrankung sollte der Hausarzt sein. Er kennt den Patienten meistens bereits über viele Jahre und kann kognitive Veränderungen oder Verhaltensauffälligkeiten am besten einordnen. Im Rahmen eines geriatrischen Basisassessments findet zunächst ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt statt. Im Anschluss prüft er mit Hilfe bestimmter Fragen und Aufgaben, ob es sich tatsächlich um eine krankhafte Gedächtnisstörung handelt, oder um den normalen altersbedingten Leistungsverlust.  Deutet das Ergebnis in eine bestimmte Richtung, wird er den Patienten an einen Facharzt oder eine psychiatrische Institutsambulanz überwiesen. Denn: Die Diagnose von Demenz gehört in die Hand von Spezialisten und bedarf einer umfassenden kognitiven und körperlichen Untersuchung – auch unter Einbeziehung der Angehörigen. Neuerdings besteht die Möglichkeit zur Überweisung an geriatrische Institutsambulanzen, die an immer mehr geriatrisch spezialisierte Häuser angeschlossen sind. Hier erfolgen dann das erweiterte geriatrische Assessment, die psychologische sowie die syndrombezogene geriatrische Untersuchung meist ambulant innerhalb von wenigen Stunden.

Das hört sich nach einem langwierigen Prozess an.

Das ist richtig. Tatsächlich fällt die Diagnose „Demenz“ erst am Ende eines langen Prozesses. Grundbedingung dabei ist, dass die kognitiven Einschränkungen und möglichweise vorhandenen demenztypische Verhaltensstörungen mindestens sechs Monate bestehen.

Wie erfolgt die genaue Diagnostik vor Ort beim Spezialisten?

Die Diagnostik erfolgt in zwei Stufen. Zunächst befasst sie sich mit den demenziellen Symptomen. Neben einem ausführlichen Anamnesegespräch, einer körperlichen Untersuchung und Labordiagnostik werden auch neuropsychologische Tests zur Früherkennung sowie Funktionstests zur Überprüfung der Alltagsfähigkeiten durchgeführt. Darüber hinaus werden die Angehörigen zur Krankheitsgeschichte befragt. Daran anschließend erfolgt die Differentialdiagnostik mit bildgebenden Verfahren wie CT oder MRT sowie je nach Art der Beschwerden und Befunde Analysen von Blut und Gehirnflüssigkeit. Mithilfe dieses zweistufigen Verfahrens fahnden die Ärzte nach Hinweisen auf eine Demenzerkrankung oder darauf, dass eine andere, möglicherweise behandelbare Ursache für die Probleme verantwortlich ist. Denn mitunter kann auch eine körperliche Krankheit, wie beispielsweise Parkinson, Schlaganfall oder Hirntumor, hinter dem Verlust der kognitiven Fähigkeiten liegen. Möglicherweise verursachen auch Medikamente, Alkohol oder Drogen die Symptome. Und manchmal verbirgt sich hinter einer vermeintlichen Demenz auch ein anderes seelisches Krankheitsbild, wie etwa eine Depression.

Ist die Demenz als solche diagnostiziert, wie sieht dann der weitere Verlauf aus?

Der Verlauf einer jeden Demenz ist anders. Zudem sind die einzelnen Stadien nur sehr unscharf voneinander abgrenzbar. So verharrt der eine Betroffene länger, der andere kürzer in einem bestimmten Stadium. Auch wenn der Krankheitsverlauf höchst individuell ist, so gehört es zu den Kennzeichen einer Demenz, dass die Einschränkungen im Laufe der Erkrankung immer massiver werden. Bei einer leichten Demenz ist zunächst noch ein relativ selbstständiges Leben möglich. Im Endstadium ist der Betroffene vollständig auf die Hilfe seiner Umgebung angewiesen.

Lassen Sie mich daher abschließend noch einen Rat an die Angehörigen geben: Suchen Sie sich Unterstützung – möglichst von Anfang an und nicht erst, wenn Sie am Rande der Erschöpfung sind. Leben mit Demenz kann zu einer großen Belastung werden – für den Betroffenen wie auch für die Angehörigen. Informieren Sie sich umfassend über die Krankheit und darüber, was auf Sie zukommt. In der Klinik sind wir als Behandlungsteam sowie der Sozialdienst die ersten Ansprechpartner. Auch wenn es um Kontakte zu unterstützenden Angeboten, wie Selbsthilfegruppen, professionellen Pflegediensten, niederschwelligen Angeboten und Tagespflegeeinrichtungen geht.