9. März 2018 von Patrick Engelke in Newsroom
© Julia Laun, RKU

Mit dem Rollstuhl auf den Gipfel

1984 bei den Paralympics in Innsbruck dabei

Heinz Kälberer zeigt, dass man auch mit einem Handicap sportliche Höchstleistungen erbringen kann.

Auf Heinz Kälberers Schoß liegt ein dicker Leitzordner. Darin sind die sportlichen Erfolge des heute 70-Jährigen gesammelt. Davon gibt es nicht wenige, denn Heinz Kälberer war viele Jahre lang ein gleichermaßen erfolgreicher wie engagierter Wintersportler. Zahlreiche Auszeichnungen, Ehrungen und Pokale hat der Skifahrer im Laufe seiner Karriere gesammelt. Dazu gehören Silbermedaillen bei den amerikanischen Meisterschaften im Winterpark in Colorado in den späten 80ern, den kanadischen Meisterschaften 1989 und mehrere erfolgreiche Teilnahmen bei den deutschen Meisterschaften im Ski-Alpin. Ein erfolgreiches Sportlerleben liegt da – feinsäuberlich dokumentiert und abgeheftet. Dass zur sportlichen Vita auch Basketball und Tennis gehören, darf an dieser Stelle übrigens nicht vergessen werden – selbst auf der Schwäbischen Alb liegt schließlich nicht das ganze Jahr über Schnee.

„Als ob es gestern war“, sagt Kälberer und deutet in seinem Ordner auf ein Bild der Eröffnungsfeier der Paralympics in Innsbruck im Januar 1984. Es zeigt das olympische Feuer, andere Aufnahmen bilden Frauen und Männer in der Mode der 80er-Jahre ab. Mittendrin: Heinz Kälberer in seinem Rollstuhl. Denn auf den ist Kälberer angewiesen, seit er im August 1969 einen Autounfall hatte. Er verunglückte auf einer Bundesstraße nahe Blaubeuren, erst mehrere Stunden später wird er im Wrack seines Autos gefunden. Diagnose: Querschnittlähmung.

Trotz Rollstuhl zurück auf den Berg

Von den Wochen im Krankenhaus und der Rehabilitation sind es bis zu den Paralympics in Innsbruck ein weiter Weg. Aber Kälberer ist kein Mensch, der sich vom Unbill des Lebens so leicht unterkriegen lässt. Im Gegenteil: Er war vor seinem Unfall ein hervorragender Skifahrer – warum sollte er das nicht wieder werden? Als technischer Zeichner im Fahrzeugbau kennt er sich aus mit der Konstruktion von Gefährten – und ein Gefährt mit Kufen ist genau das, was er nun braucht, um wieder in den Schnee zu kommen.

Kälberer zeigt auf ein Foto mit Bergpanorama. „Als Rollifahrer hat man in aller Regel keinen Zugang zu den Bergen – außer eben vielleicht im Winter wenn Schnee liegt“ Doch aufzugeben, das kommt für den leidenschaftlichen Skifahrer nicht in Frage. Er fängt an, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie er trotz Rollstuhl wieder Skifahren kann. Die Lösung ist ein Schlitten anstelle des Rollstuhls. Dass die Auswahl an solchen Sportgeräten in den 70er-Jahren begrenzt ist, lässt sich erahnen, genau ein Modell treibt Kälberer auf. „Damit kam ich nicht nur wieder in die Berge, ich konnte mich darin auch im Schnee bewegen“. Heinz Kälberer fährt wieder Ski. Man muss ihn allerdings nur ein paar Minuten erlebt haben, um zu wissen, dass er sich mit der erstbesten Lösung nicht zufrieden gibt. Klar, nun kann er zwar mit dem Schlitten den Berg herunterfahren und ist wieder mittendrin – aber das Gefährt ist schwer und unhandlich. Also modifiziert Kälberer den Schlitten. Er erkennt, wo die Möglichkeiten und wo die Probleme liegen – am Ende entwickelt er einen eigenen Bob –  viel leichter, wesentlich handlicher und vor allem besser zu steuern. Aus Kohlefaser übrigens – in den frühen 80er-Jahren ist das noch ein außergewöhnlicher Werkstoff.

Erfindergeist und Durchsetzungskraft bei den Olympischen Spielen

Die Mühe zahlt sich aus. Als einer von drei Langläufern schafft es Kälberer in die deutsche Olympiamannschaft und fährt nach Innsbruck. Er stattet das Team mit den leichten Schlitten aus – das Gewicht spielt gerade beim Langlauf eine wichtige Rolle; sind es doch alleine die Arme, die ein querschnittgelähmter Sportler nutzen kann, um in der Loipe vorwärts zu kommen. Das Training müssen die Sportler übrigens selbst organisieren. Da sie zudem keine Profis sind, müssen sie sich von ihren Arbeitgebern für Training und Wettkampf beurlauben lassen. Dennoch sind die Paralympics für den sportbegeisterten Schwaben natürlich ein Ereignis, das man nicht vergisst. In der Staffel belegt Kälberer, der mit der Startnummer 24 an den Start gegangen war am Ende übrigens den vierten Platz und verpasst damit ganz knapp die Medaillenränge.

Er nimmt´s natürlich olympisch: Dabeisein ist alles. Zumal es für Kälberer ja nicht bei diesem einen Sportereignis bleibt – er setzt fort, was er noch als „Fußgänger“ erfolgreich angefangen hatte,  fährt Ski und gewinnt Rennen. Nach Innsbruck nimmt Kälberers Sportkarriere erst so richtig Fahrt auf. Er verbessert den Schlitten immer weiter, baut neueste Technik ein  – so etwa ein aufblasbares Innenfutter, das den Halt des Sportlers und damit die Wendigkeit des Schlittens weiter verbessert –  und erringt in den kommenden Jahren bei verschiedenen Meisterschaften insgesamt sieben Medaillen. Kälberer ist Deutscher Meister im Ski-Alpin 1991, 1992 und 1994 jeweils im Riesenslalom sowie in verschiedenen anderen Disziplinen, Super-G, Slalom…  Eine ganze Wand voller Trophäen zeugt vom Willen und Geschick des Sportlers – und eben der Leitzordner, der sonst im RKU im Büro von Dr. Yorck-Bernhard Kalke steht.

Im RKU ist Kälberer auch medizinisch bestens versorgt

Denn immer wieder muss sich Kälberer auch in Behandlung begeben. Die übernimmt seit vielen Jahren Dr. Kalke mit seinem Team vom Querschnittgelähmtenzentrum des RKU Ulm. Auch dort hat sich Kälberer längst in die Herzen der Mitarbeiter gefahren – wer mit ihm über die Gänge des Krankenhauses läuft, muss immer darauf gefasst sein, dass eine Mitarbeiterin, ein Patient oder ein Arzt stehen bleibt und ein Schwätzchen beginnt. Da passt es ins Bild, dass der 70-Jährige inzwischen zusammen mit Dr. Kalke die neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Pflege im Umgang mit Rollstuhlfahrern schult – und er auch ansonsten viel für die Lobbyarbeit tut. Denn selbst wenn sich mit Kraft und Lebensmut, Einfallsreichtum und Witz viel erreichen lassen im Leben – ohne die Hilfe der Gesellschaft ist die Fortbewegung für Rollstuhlfahrer oft mühsam. „Es sind die kleinen Dinge wie etwa das Absenken der Bordsteine am Straßenrand, die uns das Leben leichter machen“, sagt Heinz Kälberer zum Abschied und zeigt auf einen Tisch im Café des RKU: „Da sitzt meine Frau, ich muss jetzt mal weiter“.