13. Februar 2018 von Philipp Jauch in Newsroom
© Sana Klinikum Hof

Leistung auf Knopfdruck

Prof. Dr. Dr. Anil-Martin Sinha im Gespräch.

Das Thema Doping wurde im Vorfeld der Olympischen Spiele 2018 intensiv diskutiert. Dabei sind leistungssteigernde Substanzen nicht nur im Sport verbreitet.

Prof. Dr. Dr. Anil-Martin Sinha betreibt am Sana Klinikum Hof eine Sportmedizinische Untersuchungs- und Beratungsstelle. Im Interview spricht der Chefarzt der Kardiologie über Doping im Sport, den Leistungstrip der modernen Gesellschaft und die Notwendigkeit der Resilienz.

Herr Professor Sinha, im Vorfeld der Olympischen Winterspiele in Pyeongchang ist viel über das Thema Doping diskutiert worden. Was genau versteht man unter Doping?

Doping kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie „Drogen verabreichen“. Man meint damit Substanzen, die die Leistungsfähigkeit eines gesunden Sportlers für einen Wettkampf künstlich und unfair steigern. Es werden aber auch Präparate unter Doping aufgelistet, die dazu beitragen, dass ein verletzter oder erkrankter Sportler durch Medikamente wieder an einem Wettbewerb schneller teilnehmen kann, beispielsweise spezielle Schmerzmittel oder Lungensprays.

Eine genaue Auflistung der verbotenen Substanzen und Verfahren werden regelmäßig von Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) und dem internationalem olympischen Komitee IOC aktualisiert. Neben den Aspekten des „unfairen Sports“ sind natürlich auch hohe Gesundheitsrisiken für den dopenden Sportler zu berücksichtigen.

Kann man durch Doping die Leistungsfähigkeit des Körpers nachhaltig steigern oder sorgen die Präparate nur für einen kurzfristigen Schub?

Im Doping werden unterschiedliche Substanzen verwendet. Es gibt Präparate, die lediglich einen kurzen Leistungsschub auslösen sollen; diese werden als Stimulanzien bezeichnet und sorgen für eine Steigerung der motorischen Aktivität. Hierzu zählt beispielsweise Ephedrin, Koffein und Kokain. Anabolika hingegen sind Substanzen, die zu einem Aufbau der Muskelmasse führen. Dies wird unter anderem durch Testosteron erreicht und findet Anwendung vor allen Dingen in Sportarten, die ein hohes Maß an Schnellkraft oder Muskelmasse benötigen.

Dann gibt es Substanzen, die beruhigend wirken sollen oder aber Schmerzen unterdrücken sollen, die sogenannten Narkotika. Diese Substanzen werden insbesondere dann eingesetzt, wenn Verletzungen oder Erkrankungen beim Sportler aufgetreten sind, um sie wieder rasch für den Wettkampf fit zu machen.

Weiterhin existieren Substanzen, die auf die Zahl der roten Blutkörperchen (Erythropoetin, EPO) oder auf den Eiweißstoffwechsel des Körpers einwirken und dazu führen, dass zusätzliche Energiereserven bereitgestellt werden. Kurzzeitige Effekte werden auch durch entwässernde Medikamente, so genannte Diuretika erzielt, die insbesondere bei Sportarten mit Einteilungen nach Gewichtsklassen von Bedeutung sind, da hier schnell einige Kilo verloren werden können.

Betrachten wir einmal Wirkungsweise von Dopingmitteln. Was passiert im Körper, wenn man leistungssteigernde Substanzen einnimmt und wie wirken sich diese auf lange Sicht aus?  

Stimulanzien setzten im Körper Stresshormone frei, diese führen zu Stresssymptomen und einer dauerhaften Aggressivität. Der Körper nimmt Warnsymptome nicht mehr wahr und kann damit über seine Grenzen bis zur totalen Erschöpfung gehen.

Anabolika führen zu einer „Verweiblichung der Männer“ mit Entwicklung einer weiblichen Brust und eine Schrumpfung der Hoden. Bei Frauen hingegen führt Testosteron zu einer Vermännlichung mit Rückbildung der Brust, Entwicklung einer Sekundärbehaarung (Bartwuchs), tiefen Stimme und starkem Muskelaufbau.

Narkotika können in erhöhter Dosierung zu Eintrübung des Bewusstseins und Kollapsneigung führen. Erythropoetin verändert die Fließeigenschaften des Blutes, wodurch es zu Gefäßverschlüssen kommen kann und in deren Folge das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall steigt. Darüber hinaus ist bekannt, dass bei einigen Sportlern, die unter Langzeit-Doping standen, die Krebsrate erheblich gestiegen ist.

Diuretika führen aufgrund ihrer entwässernden Wirkung auch zu einem Verlust von Mineralstoffen, insbesondere Kalium und Magnesium, sodass nachfolgend Muskelkrämpfe auftreten können.

Machen Dopingmittel abhängig oder kann man sie jederzeit ohne weiteres absetzen?

Präparate, die nur kurzfristig die Leistungsfähigkeit steigern, werden in der Regel sehr schnell auch wieder abgesetzt. Problematisch wird es bei den Substanzen, die Veränderungen im Stoffwechsel und Hormonaushalt bewirken. Ein Absetzen der Präparate kann eine Entzugssymptomatik und einen deutlichen Leistungseinbruch zur Folge haben. Darüber hinaus sind auch langfristige körperliche Schäden zu erwarten.

Neben verbotenen Substanzen gibt es auch Präparate, die die Regeneration fördern oder den Muskelaufbau unterstützen sollen. Wie beurteilen Sie derartige Nahrungsergänzungsmittel?

Die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) hat für den Spitzensport alle Dopingmittel oder Mittel, die die Leistung steigern, verboten. Hierunter fallen auch bestimmte Schnupfen- und Hustenmittel, Nahrungsergänzungsmittel oder Präparate, die die Regeneration fördern. Anders sieht es aus im Breiten- und Amateursport. Hier ist möglicherweise eine Regeneration aus nichtsportlichen Gründen rasch anzustreben, um beispielsweise die Arbeitsfähigkeit wiederherzustellen. Gleichwohl ist immer zu bedenken, dass jedes Präparat auch Nebenwirkungen hat, die die Gesundheit des Sportlers gefährden können.

Sie betreiben am Sana Klinikum Hof eine Sportmedizinische Untersuchungs- und Beratungsstelle. Welchen Rat würden Sie Menschen geben, die ihr Fitness-Level erhöhen wollen – gibt es einen Königsweg?

Entscheidend ist zunächst, zu erkennen, wie der aktuelle Leistungstand ist und welche Leistungsziele realistischerweise erreicht werden können. Aufgrund von Abnutzungserscheinungen und Alterung sind manche sportlichen Ziele alleine durch Optimierung von Training und Technik nicht mehr zu erreichen – das muss man akzeptieren. Der nächste Schritt ist, gemeinsam mit dem Sportler zu überlegen, mit welchem Aufwand und Risiko eine Verbesserung des Fitness-Levels erreicht werden kann und ob es dem Sportler möglich ist, dies in seinen Alltag und persönliche Leistungsbereitschaft zu integrieren. Einen allgemein gültigen Königsweg gibt es hier leider nicht, aber meistens lassen sich sehr gute „Mittelwege“ finden.

Und wie sieht es im Bereich der Rehabilitation nach Verletzungen aus? Unterscheidet sich das Training zur Leistungssteigerung von dem zur Regeneration?

Beim Training nach Verletzungen muss man sehr behutsam mit dem Körper umgehen, um dauerhafte Folgeschäden zu vermeiden. Wichtig sind eine ausreichend lange Pause und eine Begleitung durch einen geschulten Physiotherapeuten und Arzt. Anders als beim Training zur Leistungssteigerung geht man in der Regeneration nicht über das Limit hinaus, sondern ist bemüht, durch vorsichtige Leistungsanreize den Körper rasch wieder zu mobilisieren.

Praktisch ist es jedoch einem Freizeitsportler kaum möglich, das Regenerationspotenzial eines jungen Spitzensportlers, um den sich ein großes Team aus Physiotherapeuten und Ärzten bemüht, in so kurzer Zeit zu erreichen, wie etwa nach einem Kreuzbandriss oder einem Muskelfaserriss.

Können Nahrungsergänzungsmittel oder pharmazeutische Produkte den Heilungsprozess beschleunigen?

Selbstverständlich beschleunigen Medikamente den Heilungsprozess und sind auch in gewisser Weise notwendig, um rasch eine Genesung herbeizuführen. Unterschieden werden muss allerdings zwischen gesunden Sportlern, die sich in einer Wettkampfphase befinden und lediglich ihre Leistung steigern wollen und Sportlern, die verletzt ausgefallen sind und grundsätzlich wieder „fit werden wollen“. Bei letzteren dienen Medikamente ja nicht der Leistungssteigerung, sondern primär der Heilung.

Sie betreuen seit vielen Jahren Leistungssportler auf dem Weg zum Erfolg. Welche Erfahrungen haben Sie in der täglichen Arbeit gemacht: Was sind die größten Fehler beim Training und wie lautet Ihr Erfolgsgeheimnis?

Der größte Fehler, der gemacht wird, ist sich selbst und die eigene Leistungsfähigkeit falsch einzuschätzen. Wenn dann der gewünschte Erfolg ausbleibt, ist der Griff zu unerlaubten leistungssteigernden Präparaten bzw. Maßnahmen sehr schnell vollzogen. Es ist wichtig, realistische Leistungsziele zu definieren. Diese dürfen aber nicht unerreichbar sein, sonst endet die schönste Nebensache der Welt in Frust und Enttäuschung.

Wir haben nun viel über den Sport gesprochen. Dabei ist die Maximierung von Leistung ein gesellschaftliches Phänomen. Die Menschen wollen immer mehr erreichen, in einer immer kürzeren Zeit. Können Sie sich das erklären?

Aktuell basiert alles auf dem Leistungsprinzip „Schneller, höher, weiter“ und „Forever young“. Damit ist für Verlierer und Schwache kein Platz in unserer Gesellschaft. Das Kräftemessen hat sich längst von den gängigen Statussymbolen – „Mein Haus, mein Auto, mein Boot…“ – auf den Sport erweitert und es werden oft unrealistische Ziele im Zuge des allgemeinen Machbarkeits- und Jugendwahns gesetzt. Ein gesundes Selbstwertgefühl und Körpergefühl ist notwendig, um sich nicht in diesen Teufelskreis zu begeben.

Manche greifen auch abseits des Sportplatzes zu leistungssteigernden Substanzen, um länger durchzuhalten. Das geht zum Teil schon den Hörsälen los und reicht bis in die Führungsetagen von Unternehmen. Welche Auswirkungen hat das Doping im Alltag?

Doping im Alltag ist ein ernstzunehmendes Problem, welches nicht nur die Managerebene, sondern oftmals bereits Schüler und Studenten betrifft. Unsere Leistungsgesellschaft gaukelt uns vor, diese Leistungsziele erreichen zu müssen, um dabei zu sein, etwas wert zu sein oder geachtet zu werden.

Doping ist der falsche Weg, diese Ziele zu erreichen. Da die Wirkung irgendwann nachlässt, müssen stets neue Präparate in höheren Dosierungen eingenommen werden. Damit steigen auch die Nebenwirkungen, die langfristig immer gesundheitliche Schäden und Abhängigkeiten hervorrufen werden.

Oftmals ist mit der Einnahme leistungssteigernder oder berauschender Substanzen auch der Wunsch verbunden, den Alltag besser zu bewältigen und Stress abzubauen. Haben Sie einen Rat, wie man diese Herausforderung auch ohne Doping meistern kann?

Stress ist leider ein fester Bestandteil unseres Alltags geworden und es wäre naiv zu glauben, dass wir Stress komplett aus unserem Leben verbannen können. Aber es ist immer die Frage, inwieweit wir den Stress an uns heranlassen und wir uns ihm unterwerfen. Insofern ist es wichtig, eine gesunde Distanz aufzubauen – etwa durch Resilienz, die psychische Widerstandsfähigkeit – und sich Bereiche zu schaffen, die „stressfrei“ sind.

Hierzu kann richtig verstandener und „stressfrei“ betriebener Sport im erheblichen Maße beitragen, denn durch Sport bauen wir Stress ab. Darüber hinaus ist eine gesunde und maßvolle Ernährung, aber auch ein gesunder und erholsamer Schlaf und regelmäßige physische wie psychische Regeration von erheblicher Bedeutung. Zusammengefasst bedeutet dies die Trias aus Bewegung, Ernährung und Erholung.