18. Dezember 2017 von Dominik Kranzer in Medizin des Lebens, Newsroom
© Dominik Kranzer / Krankenhaus RummelsbergWas am Anfang undenkbar war, ist mittlerweile möglich: Ladislav Bartes schafft es am Barren zehn Meter zu gehen. Die Ärzte Issam Naef (links) und Dr. Matthias Ponfick (rechts) sehen aufmerksam zu.
© Dominik Kranzer / Krankenhaus Rummelsberg

Nach tragischem Schicksalsschlag: Heimkehr pünktlich zum Fest

Erster Patient, der mit frischer Rückenmarkverletzung eingeliefert wurde, verlässt das Querschnittzentrum in Rummelsberg

Nach dreimonatiger Erstbehandlung verlässt Ladislav Bartes das Krankenhaus Rummelsberg und feiert Weihnachten im rollstuhlgerechten Zuhause.

Nach exakt 92 Tagen Aufenthalt geht es pünktlich zu Weihnachten für Ladislav Bartes wieder nach Hause. Hinter ihm liegt eine gesundheitliche Odyssee, die in einer Querschnittlähmung gipfelte. Der 73-Jährige hat sein Schicksal angenommen, hart trainiert und verlässt nach frischer Querschnittläsion das Krankenhaus Rummelsberg. „Für mich war es ein großes Glück, dass das spezialisierte Zentrum in Rummelsberg Anfang September eröffnet hat. Zwei Tage später bin ich hierher gekommen“, sagt Bartes.

Hinter der Krankheitsgeschichte liegt eine wahre Odyssee. Alles begann mit einem orthopädischen Routine-Eingriff am Knie in einer Nürnberger Klinik, welcher mehrere Revisions-Operationen nach sich zog. Es entwickelte sich eine schleichende Lähmung des linken Beines, welche intensiv neurologisch abgeklärt wurde. Mit Verdacht auf einen Schlaganfall landete der Patient schließlich in der neurologischen Rehabilitation. In dieser entwickelte sich auch am gesunden Bein eine Lähmung, weshalb eine MRT-Untersuchung der Halswirbelsäule durchgeführt wurde. Dort wurde eine akute Verengung des Rückenmarks diagnostiziert und Bartes musste notfallmäßig in einer Uniklinik operiert werden. Beim Eingriff merkten die Operateure, dass chronisch entzündetes Gewebe die Stelle umgibt und daher eine abgelaufene Entzündung der Wirbelsäule für die Ausfallerscheinungen ursächlich war. Die Operation dauerte fünf Stunden, was blieb ist eine hochgradige inkomplette Lähmung der rechten Hand und besonders beider Beine.

Zwei Tage nach der Eröffnung des Querschnittzentrums landet Bartes in Rummelsberg – als erster Patient mit frischem Querschnittsyndrom. „Die Betreuung vor Ort hat sich dermaßen gut entwickelt, wie ich nicht damit gerechnet habe“, sagt Bartes, der dachte, dass alles noch in den Kinderschuhen in Rummelsberg stecken würde. Von der psychologischen Unterstützung bis hin zur täglichen, dreistündigen therapeutischen Behandlung erhält Bartes eine ganzheitliche Betreuung. Es gelingt den Schicksalsschlag zu verarbeiten und er lernt innerhalb der drei Monate, was am Anfang undenkbar gewesen ist. „Der Patient war zunächst mit Blasenkatheter und Windel versorgt. Ein kontinentes Leben sieht anders aus und an einen selbständigen Transfer von Bett zu Rollstuhl war am Anfang überhaupt nicht zu denken. Dies konnte aber innerhalb der drei Monate schrittweise vollständig erreicht werden, auch wenn es teilweise sehr schwierig war. Der Patient war enorm engagiert, was maßgeblich für eine gelingende querschnittspezifische Komplexbehandlung ist“, erklärt Dr. Matthias Ponfick, der leitende Arzt am Querschnittzentrum. „Das Beispiel zeigt, was mit viel Therapie möglich ist und warum es unabdingbar ist, dass Patienten mit Rückenmarkverletzung in ein spezialisiertes Querschnittzentrum eingeliefert werden.“ Auch die internationale, wissenschaftliche Literatur belegt dieses Argument. Patienten, die in einem Querschnittzentrum behandelt werden, sind selbstständiger, haben eine höhere Wahrscheinlichkeit wieder arbeiten zu können und auch eine höhere Lebensqualität. Stehen und etwa zehn Meter gehen, sind für Bartes sogar wieder möglich, auch wenn er sehr viel Unterstützung benötigt. „Hier sind uns von der Natur einfach Grenzen gesetzt, was aber nicht heißt, dass im weiteren Verlauf keine weiteren Verbesserungen auftreten“, so Ponfick.

„Es hätte noch schlimmer kommen können“

Vorbild war der Abenberger auch für deutlich jüngere Querschnitt-Patienten. „Es hat mich berührt, als ein Mitpatient, der vor 16 Jahren eine Rückenmarkverletzung erlitten hat, zu mir in Rummelsberg sagte, ich sei sein Vorbild“, erzählt Bartes, der von einem speziellen Wir-Gefühl im Querschnittzentrum spricht, das sich dort entwickelt hat. Auch wenn es ihm sichtlich schwer fällt, hat sich Bartes mit seinem Schicksal angefreundet: „Ich habe mein ganzes Leben Sport gemacht, war Volleyball-Trainer in der Bundesliga und habe bis Mai diesen Jahres auch noch Tennis gespielt. Früher war ich so gut in Form, dass ich in der Spezialeinheit Delta Force des US-Militärs zwei Jahre diente. Aber man muss sich auch eingestehen: Es hätte noch schlimmer kommen können“, sagt Bartes. Sein behandelnder Arzt und er haben einen sehr engen Draht zueinander gefunden. So war Bartes auch der einzige im Krankenhaus, der wusste, wie Ponficks zweites Kind, was Ende November zur Welt kam, heißen wird. „Das war unser gemeinsames Geheimnis und ein Beleg dafür, dass es hier sehr menschelt. Es wird sich rund um die Uhr um einen gekümmert und die Ärzte nehmen sich sehr viel Zeit“, lobt Bartes.

Herausforderung im Alltag

Zuhause in Abenberg weiß Bartes gar nicht, was ihn erwartet und mit welchen Gefühlen er das Krankenhaus verlässt. Mit der Querschnittlähmung geht ein häuslicher Umzug einher, welchen die Angehörigen bereits vollzogen haben, so dass er nun mit seiner Frau neue, rollstuhlgerechte Räume bewohnt. Diese wurden vorab durch Mitarbeiter der Rummelsberger ORTHOTechnik, die eng mit dem Querschnittzentrum zusammenarbeitet, besichtigt, um daheim eine alltagsgerechte Hilfsmittelversorgung zu gewährleisten. Ziel für ihn ist es, wieder in der Zahnarztpraxis seiner Tochter als Praxismanager einzusteigen und nebenbei intensiv zu trainieren. „Wer rastet, der rostet“, sagt Bartes, der gerne auch mal wieder ans Meer möchte. Die Situation im Rollstuhl erinnert ihn an die Kindheit, da man vieles wieder erneut lernen muss. Dass Bartes aber einer Kämpfer ist, geht aus seiner Vita hervor. Als Einzelkind und nur mit der Mutter musste er schon zu Kindertagen lernen, allein zu Recht kommen. „Sicherlich gab es in der Therapie Höhen und Tiefen – das ist ganz normal – , aber ich habe Herrn Bartes als kämpferischen, vitalen und hochmotivierten Menschen kennengelernt, was auch sicherlich dazu beigetragen hat, dass er nun eine große Selbstständigkeit wieder erlangt hat. Die große Herausforderung wird es nun sein, dass er seinen Alltag meistert, ohne Rundum-Betreuung. Ich bin mir sicher, dass er die Herausforderung annimmt und es ihm gelingt“, glaubt Ponfick, der auch nach der Entlassung jederzeit für seinen Patienten da ist. Für Bartes und die Angehörigen ein dickes Plus: die wohnortnahe Versorgung. Insofern werden sich Arzt und Patient im nächsten Jahr zum jährlichen Check sicherlich wiedersehen!