4. Juli 2017 von Philipp Jauch in Newsroom
© Sana-Klinikum Remscheid

Neues Pflegegesetz stellt Bewältigung des Alltags in den Vordergrund

Psychische Erkrankungen werden nun stärker berücksichtigt

Seit dem 1. Januar 2017 ist das zweite Pflegestärkungsgesetz in Kraft. Es bringt einige Änderungen und kann die Familien von Pflegebedürftigen entlasten.

In Deutschland sind knapp drei Millionen Menschen auf Hilfe anderer angewiesen – Tendenz steigend. Etwa vier Fünftel der Pflegebedürftigen im Bereich der sozialen Pflegeversicherung sind 65 Jahre oder älter, doch die wenigsten haben sich im Vorfeld mit dem möglichen Fall einer Pflegebedürftigkeit auseinandergesetzt. Claudia Hilger, die Leiterin der Pflege- und Sozialberatung am Sana-Klinikum Remscheid, gibt Tipps für eine bestmögliche Versorgung.

Frau Hilger, zum 1. Januar 2017 ist das zweite Pflegestärkengesetz in Kraft getreten. Was hat sich dadurch im Wesentlichen verändert?

Claudia Hilger: Der Pflegebegriff hat sich verändert. Während früher der Hilfebedarf eines Menschen entscheidend für die Pflegestufe war, stehen heute die Fähigkeiten im Vordergrund. Die Frage lautet „Was kann ein Mensch?“. Hierbei geht es wesentlich um die Bewältigung des Alltags. Anders als früher wird dabei nicht nur die körperliche Verfassung beurteilt, sondern auch die psychische Gesundheit. Insgesamt können durch den neuen Pflegebegriff mehr Menschen Leistungen erhalten und pflegende Angehörige können spürbar entlastet werden.

Das klingt nach einer sehr komplexen Beurteilung.

Hilger: Das ist es auch. Es gibt eine Vielzahl von Kriterien, anhand derer die Selbstständigkeit einer Person bewertet wird. Dazu zählen unter anderem Mobilität, Kognition, Kommunikation, Verhalten und Psyche, die selbstständige Versorgung und soziale Kontakte. Alle Faktoren werden unterschiedlich stark gewichtet. Das Ergebnis dieses Gutachtens ist die Eingruppierung ein einen von fünf Pflegegraden. Sie zeigen die Pflegebedürftigkeit eines Menschen und sind entscheidend für den Betrag, den jemand von der Pflegekasse erhält.

Ab welchem Alter empfehlen Sie Pflegeleistungen zu beantragen?

Hilger: Wir empfehlen den Antrag möglichst früh zu stellen. Denn jeder, dem ein Pflegegrad zuerkannt wird – ganz gleich ob eins oder fünf – erhält zusätzlich zum Pflegegeld die Möglichkeit, Hilfeleistungen in Höhe von 125 Euro abzurufen. Das kann beispielsweise die Begleitung zum Arzt sein, aber auch Hilfe im Haushalt. Diese Dienstleistungen müssen aber von zugelassenen Trägern erbracht und können auch nur von diesen abgerechnet werden.

Wo und wie wird der Antrag gestellt?

Hilger: Pflegeleistungen werden bei der Krankenkasse, Abteilung Pflegekasse beantragt. Diese beauftragt dann einen Gutachter vom Medizinischen Dienst, der sich das häusliche Umfeld der betreffenden Person ansieht und schließlich den Pflegegrad errechnet. Nach einigen Wochen erhält man Bescheid. Bei Personen, die nach ihrem Krankenhausaufenthalt nicht mehr in das häusliche Umfeld zurückkehren können, kann auch das Krankenhaus den Antrag auf Pflegeleistungen stellen. Er wird dann in der Regel innerhalb von fünf Tagen bearbeitet.

Was ist, wenn man nur kurzzeitig Hilfe braucht, etwa nach einer Operation?

Hilger: Gesetzlich Versicherte haben einen Anspruch auf Fahrtkostenersatz und auf Unterstützung im Haushalt. Voraussetzung für diese haushaltsnahen Dienstleistungen wie  Waschen, Bügeln, Kochen und Einkaufen ist, dass man alleine lebt und selbst den Haushalt führt. Dann kann man bereits im Krankenhaus den Antrag stellen, zur Sicherung der ambulanten Nachsorge vier bis zu vier Wochen Hilfe zu erhalten.