3. Juli 2017 von Philipp Jauch in Engagement, Newsroom
© Diakonie Leipziger LandSusann Lawrenz-Wuttke hilft Menschen, Schicksalsschläge zur verarbeiten.
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„Krisenintervention ist Erste Hilfe für die Seele“

Susann Lawrenz-Wuttke über Seelsorge als Dienst am lebenden Menschen, den Umgang mit Leid und die Bedeutung von Gefühlen

Verkehrsunfälle, Selbsttötungen und traumatische Ereignisse gehören für Seelsorger zum Alltag. Sie helfen Betroffenen zurück in ein geregeltes Leben.

Was sich am frühen Montagmorgen auf der Autobahn 9 bei Gefrees ereignet hat, bringt selbst erfahrene Rettungskräfte an ihre Grenzen: Ein voll besetzter Reisebus ist in einer Baustelle auf einen langsam fahrenden Sattelzug aufgefahren. Er brannte nach dem Crash völlig aus. Menschen starben oder wurden teilweise schwer verletzt. Um Einsatzkräfte, Unfallbeteiligte und Angehörige zu betreuen, war auch ein Kristeninterventionsteam im Einsatz, wie es auch an den Sana Kliniken zur Verfügung steht. Susann Lawrenz-Wuttke von der Diakonie Leipziger Land, erklärt, welche Hilfe Seelsorger in Extremsituationen leisten können und wie Betroffene zurück in den Alltag finden.

Seelsorge gibt Orientierung und leistet praktische Hilfe

Menschen, die in einen schweren Unfall verwickelt sind, oder ihre Angehörigen verloren haben, stehen unter Schock. Für sie bricht eine Welt zusammen“, sagt Susann Lawrenz-Wuttke. In dieser Situation sei es die Aufgabe des Kristeninterventionsteams, für die zu betreuenden Personen da zu sein sich um die Dinge zu kümmern, die sie gerade beschäftigen. Das gehe von der Frage, wer die Katze betreut, bis zur Benachrichtigung von Verwandten oder der Hilfe beim Ausfüllen von Formularen.

„Im Unglücksfall  haben es Menschen häufig mit ganz unterschiedlichen Ansprechpartnern zu tun: der Polizei, Rettungskräften, manchmal sogar Gerichtsmedizinern und Bestattern. Da sind wir als Seelsorger die einzige stabile Komponente“, sagt die Psychologin. „Wir versuchen dann, aus einem Berg voller Steine Trittseine zu bauen und weiterführende Hilfsangebote aufzuzeigen, damit Betroffene in einen geregelten Alltag zurückfinden.“

Das Geschehene verarbeiten, nicht verdrängen

Diese Hilfe ist besonders für die Einsatzkräfte wertvoll – auch wenn man ihnen die Belastung auf den ersten Blick oft nicht ansieht. „Die Rettungskräfte funktionieren. Erst im Nachhinein, wenn ihre Aufgabe erledigt ist, beginnt der Kopf zu arbeiten“, sagt Lawrenz-Wuttke. „Dann wird ihnen die eigene Machtlosigkeit bewusst und sie fragen sie sich, was sie hätten besser machen können.“

Genau hier beginnt die Auseinandersetzung mit dem Geschehen. „Es ist sehr wichtig, dass Menschen, die Schlimmes erlebt haben, Gefühle zulassen, betont Lawrenz-Wuttke.   Angst, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Konzentrationsstörungen seien natürliche Reaktionen des Körpers auf traumatische Erlebnisse. Erst wenn diese Beschwerden längere Zeit anhalten, sollte man sich professionelle Hilfe suchen, etwa bei einem Traumatologen.

Umgang mit Schicksalsschlägen sehr unterschiedlich

Ein Patentrezept für den Umgang mit Schicksalsschlägen hat die Expertin nicht. „Das ist sehr unterschiedlich. Die einen wollen gerne über ihre Gefühle sprechen, andere suchen Abstand beim Angeln oder nehmen ein heißes Bad. Entscheidend ist, dass man das Geschehene verarbeitet und nicht verdrängt“.

Und wie geht sie als Seelsorgerin mit dem Leid derer um, um die sie sich kümmert? „Für mich ist Seelsorge ein Dienst am lebenden Menschen. Das Ereignis tritt dabei in den Hintergrund“, sagt Lawrenz-Wuttke. „Empathie, Mitgefühl ist mir dabei sehr wichtig. Mitleid allerdings darf ich nicht empfinden. Sonst könnte ich die Tätigkeit auf Dauer nicht ausüben“. Susann Lawrenz-Wuttke engagiert sich seit 15 Jahren in der Seelsorge – ehrenamtlich.