15. Juni 2017 von Oliver Winklmüller in Newsroom
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»Wir versuchen immer, individuelle Lösungswege zu finden«

Weltkontinenzwoche 2017: Bornaer Beckenboden-Therapeuten wollen Inkontinenz aus der Tabuzone holen.

Inkontinenz: Manchen ist sie peinlich, manche schämen sich dafür. Viele schweigen. Dabei könnte vielen Menschen effektiv geholfen werden.

Dominika Junghanns ist Krankenschwester und ausgebildete Kontinenz-Fachkraft mit Leitung der Selbsthilfegruppe am Sana Klinikum Borna. Im Interview spricht Sie zum Thema »(In-)Kontinenz«.

Was ist die Weltkontinenzwoche? 
Junghanns: Die Aufklärungskampagne »Weltkontinenzwoche« zum Thema Inkontinenz wurde vom Continence Promotion Comittee in Zusammenarbeit mit der International Continence Society (ICS) ins Leben gerufen und bietet unter der Federführung der Deutschen Kontinenz Gesellschaft bundesweite Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen sowie Expertenvorträge für Betroffene und Mediziner.

Inkontinenz – Was ist das eigentlich?
Inkontinenz nennt man die fehlende oder mangelnde Fähigkeit des Körpers, den Blasen- und/oder Darminhalt sicher zu speichern und selbst zu bestimmen, wann und wo er entleert werden soll. Unwillkürlicher Urinverlust oder Stuhlabgang sind die Folgen.

Was macht das Thema so schwierig?
Inkontinenz ist leider immer noch ein gesellschaftliches Tabu, häufig sogar ein familiäres. Als Kind lernen wir spätestens ab dem dritten Lebensjahr, dass ein erwachsener Mensch nicht in die Hose macht. Allein in Deutschland erleben es aber mehrere Millionen Frauen und Männer tagtäglich, dass ihr Körper sich nicht an diese Regel hält.

Warum ist die Krankheit derart tabuisiert? 
Inkontinenz löst bei vielen eine weitaus negativere Assoziation aus als andere Erkrankungen. Sie wird bewusst oder unbewusst mit Kontrollverlust, hygienischen Problemen und einem seit der Kindheit verankerten Ekel vor Fäkalien verbunden. Das Thema wird verschwiegen – Betroffene wollen nicht darüber reden und Menschen in ihrer Umgebung wissen nicht, wie sie damit umgehen sollen.

Was bedeutet es, betroffen zu sein? Wie wird das Leben eines betroffenen Patienten beeinträchtigt? 
Die Erkrankung geht mit unwillkürlichem Harn- oder Stuhlabgang einher. Durch Geruchsbelästigung und die Notwendigkeit, ständig eine Toilette in der Nähe zu haben, nehmen die Betroffenen oft nicht mehr oder sehr eingeschränkt am sozialen Leben teil. Dies schränkt den Alltag erheblich ein und führt häufig zu sozialer Isolation und Vereinsamung.

Wie kann man – trotz Inkontinenz – aktiv und sicher im Leben stehen?
Für viele Betroffene überwiegt oft eines: Die Angst mit jemanden darüber zu reden. Aus Schamgefühl entwickelt sich ein Schweigen, welches das eigene Leiden nur noch verstärkt. Das Gefühl, die Kontrolle über den eigenen Körper zu verlieren und einem unerwarteten »Zwischenfall« ausgesetzt zu sein, führt zu einer andauernden Angst. Ärzte können jedoch eine wesentliche Hilfe sein, wenn man Sie über die Probleme unterrichtet. Doch selbst Ärzten wird häufig zu wenig Vertrauen entgegen gebracht. Die Folge ist das weitere Aufschieben der Probleme und die stetig steigende Angst.

Sie leiten auch eine Selbsthilfegruppe. Was passiert dort?
Wir sind seit vielen Jahren vertraut mit Harn- und Stuhlinkontinenz. Es ist uns zu einer großen Aufgabe geworden, Menschen mit sehr persönlichen medizinischen Bedürfnissen das Leben zu erleichtern. Wir wissen aus Erfahrung, dass ein offenes Gespräch eine große Erleichterung für Betroffene sein kann. Vielen hilft es auch, nicht allein da zu stehen, sondern Teil einer großen Gemeinschaft zu sein.