14. Februar 2017 von Marion Band in Newsroom, Sprechstunde
© Georg-Foto, Offenbach

Gestörte Schilddrüse schon im Kindheits- und Jugendalter behandeln?

Aus der Themenwoche "Schilddrüse" - MVZ Nuklearmedizin am Sana Klinikum Offenbach

Bei verzögertem Wachstum, anhaltender Müdigkeit oder starkem Übergewicht muss bei Kindern und Jugendlichen die Schilddrüse differenziert untersucht werden.

Schilddrüsen-Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

Etwa jedes 3000. Neugeborene kommt mit einer angeborenen Schilddrüsenunterfunktion, im Fachbegriff Hypothyreose, auf die Welt. Deshalb werden in Deutschland neben der sogenannten U1, der ersten Vorsorgeuntersuchung direkt nach der Entbindung, in den ersten Tagen nach der Geburt weitere, umfangreiche Untersuchungen durchgeführt. Hier wird auch die Abklärung der Schilddrüsenfunktion eingebunden. Denn auch wenn eine angeborene Schilddrüsenunterfunktion relativ selten ist, kann sie je nach Grad der Ausprägung zu schweren Entwicklungsstörungen des Kindes führen und sollte unbedingt erkannt werden. Dafür reicht zunächst eine Untersuchung des Blutes anhand einer kleinen Blutprobe im Rahmen des sogenannten Neugeborenen-Screening zwischen dem 3. und 5 Lebenstag. Der heutige Beitrag unserer Schilddrüsenreihe greift die Besonderheiten von Schilddrüsenerkrankungen bei Kindern auf.

Grundsätzlich können alle Krankheiten der Schilddrüse, wie sie bei Erwachsenen zu finden sind, auch im Kindesalter auftreten. Häufigste Ursache für eine Schilddrüsenunterfunktion ist dabei die Hashimoto­Thyreoiditis. „Diese Autoimmunerkrankung führt zu einer chronischen Entzündung der Schilddrüse und trifft überraschenderweise bei Kindern- und Jugendlichen ähnlich häufig wie bei Erwachsenen auf“, erläutert Dr. Tilmann Kirchner, Facharzt in der MVZ-Praxis Nuklearmedizin am Sana Klinikum Offenbach. Ein Zuwenig an Schilddrüsenhormon führt über eine Verlangsamung des Stoffwechsels zu gesteigerter Müdigkeit, Gewichtszunahme bzw. fehlender Gewichtsabnahme und in schwerer Form bei Kindern auch zu Wachstumsverzögerungen.

„Bei entsprechenden Anzeichen sollten daher regelmäßig eine Fehlfunktion der Schilddrüse in Betracht gezogen werden“, so Dr. Kirchner. Denn auch wenn beim Neugeborenen-Screening keine Auffälligkeit festgestellt und eine Normalfunktion der Schilddrüse diagnostiziert werden konnte, kann sich jederzeit während des Heranwachsens eine Erkrankungen der Schilddrüse entwickeln. Kirchner betont: „Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenfehlfunktion im Kindesalter sind eine schnelle und präzise Diagnostik sowie gegebenenfalls eine konsequente Therapie besonders wichtig, da die Schilddrüsenfunktion wesentlich die körperliche und geistige Entwicklung eines Heranwachsenden bestimmt. Hier werden lebenslange Grundlagen gelegt und es kann zu schwerwiegenden Schäden kommen.“

Neben der Unterfunktion ist bei Kindern auch eine Überfunktion der Schilddrüse möglich, wenn auch wesentlich seltener als bei Erwachsenen. Die häufigste Ursache dafür ist der ebenfalls durch eine Fehlsteuerung des Immunsystems verursachte Morbus Basedow – der ebenfalls eine entzündliche Erkrankung der Schilddrüse darstellt. Neben der Über- und Unterfunktion der Schilddrüse kann es auch bei Kindern zu Knotenbildungen kommen.

Diagnose einer Schilddrüsenerkrankung

Ebenso wie bei Erwachsenen spielt bei Kindern und Jugendlichen in der Beurteilung der Schilddrüsen­Funktion der sogenannte TSH-Wert eine zentrale Rolle. Das TSH ist ein in der Hirnanhangdrüse produziertes Hormon, welches in der Schilddrüse wiederum die Produktion der eigentlichen Schilddrüsenhormone anregt. Ein erhöhter Wert kann auf eine Unterfunktion, ein zu geringer Wert auf eine Überfunktion der Schilddrüse hinweisen. Dabei erläutert Dr. Kirchner eine Besonderheit: „Bis etwa zum elften Lebensjahr müssen bei Kindern höhere TSH-Werte angesetzt werden. Leider wird diese altersentsprechende, physiologische TSH-Erhöhung immer noch zu oft unreflektiert als Unterfunktion bewertet und unnötigerweise die Gabe eines Schilddrüsen­Hormon verordnet.“ Diese Besonderheit stellt aber keine Entwarnung bei erhöhten Werten da. Dr. Kirchner weist darauf hin, dass „ eine Erhöhung dringend fachlich bewertet werden muss, denn es kann durchaus auch eine behandlungsbedürftige Erhöhung des TSH-Wertes übersehen werden.“ So finden sich bei rund 12 Prozent aller übergewichtigen (adipösen) Kinder erhöhte TSH­Werte. „Der Ausgleich eines auch scheinbar nur leichten Schilddrüsen-Hormonmangels kann gerade in diesem Zusammenhang sehr wohl sinnvoll sein“ betont Dr. Kirchner und weist auf den klinischen Aspekt jeder therapeutischen Entscheidung hin. „Nur die alleinige Beurteilung von Laborwerten macht noch keine gute Diagnostik. Denn wie immer in der Medizin gilt der Grundsatz: Kein noch so gutes Labor kann eine ausführliche Anamnese ersetzen.“

Patientenakademie: Öffentliche Informationsveranstaltung am 21. Februar 2017

Wer Fragen oder Interesse hat, mehr über die Erkrankungen der Schilddrüse im Kindes- und Jugendalter zu erfahren, ist herzlich zur nächsten Patientenakademie des Sana Klinikums Offenbach eingeladen. Am Dienstag, 21. Februar 2017 erläutert Dr. Kirchner Fragen rund um das Thema Schilddrüse und Übergewicht.

Der Besuch der Patientenakademie ist kostenfrei. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Die Veranstaltung beginnt um 18 Uhr in den Helmut-Nier-Sälen in Ebene 0 des Sana Klinikums Offenbach, am Starkenburgring 66. Weitere Informationen unter www.klinikum-offenbach.de