2. September 2016 von Philipp Jauch in Neue Verfahren
© Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart

Bioresorbierbare Stents – hochmoderne Materialien und neueste Entwicklungen in der Kardiologie

Millionen Menschen leiden an einer koronaren Herzerkrankung

PD Dr. Wolfgang Bocksch, Chefarzt am Karl-Olga-Krankenhaus, hat seit vielen Jahren Erfahrung mit der neuen Stent-Technologie und klärt auf.

Der Herzinfarkt, ausgelöst durch eine komplette Verstopfung der Koronararterie, ist Todesursache Nummer Eins in Deutschland. Seit mehr als 20 Jahren ist die Ballondilatation (PTCA) über die Leistenarterie (transfemorale PTCA) oder die Handgelenksarterie (transradiale PTCA) mit anschließender Implantation von kleinen medikamenten-beschichteten metallischen Gefäßstützen – sogenannte Koronarstents – Standard der interventionellen Koronartherapie. Pro Jahr werden in Deutschland mehr als 350.000 Koronarstents implantiert. Die Sicherheit und Effektivität dieser Therapie ist in repräsentativen Studien mehrfach nachgewiesen. Neuerdings gibt es sogenannte bioresorbierbare Stents aus Kunststoff oder Metall, die sich nach wenigen Monaten bis Jahren selbstständig auflösen.

PD Dr. Wolfgang Bocksch, Chefarzt am Karl-Olga-Krankenhaus in Stuttgart und zweiter Vorsitzender des Bundes Interventioneller Kardiologen (BIK), hat seit vielen Jahren Erfahrung mit dieser neuen Stent-Technologie.

Sie behandeln seit Jahren herzkranke Patienten und blicken auf viele Jahre Erfahrungen mit Stents zurück. Wie funktionieren die hochmodernen neuen bioresorbierbaren Stents?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Normale Metallstents schienen das Gefäß von innen und verhindern ein „Zusammenfallen” des Gefäßes nach erfolgreicher Aufdehnung mit dem Ballon und sichern dadurch langfristig ein offenes Gefäß. Anschließend verbleiben die Stents lebenslang ohne Funktion in der Gefäßwand. Allerdings benötigt man die schienende Wirkung des Stents nur 6 bis 9 Monate nach erfolgreicher Einheilung des Stents in die Gefäßwand. So ist der Metallstent vergleichbar mit einem Gips nach einem Armbruch, den man lebenslang trägt, obwohl man ihn nur kurze Zeit braucht. Daher engagiert sich die Forschung seit über 30 Jahren an einer Legierung aus Magnesium und Edelstahl, die sich innerhalb von 9 Monaten vollständig auflöst. Alternativ sind Polymere aus Milchsäure (Polylactid) im Einsatz, die sich nach neun Monaten bis drei Jahren auflösen.

Was ist für den Patienten anders bei dem Eingriff?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Nichts! Die Implantation eines bioresorbierbaren Stents unterscheidet sich aus Sicht des Patienten nicht von der Implantation eines konventionellen Metallstents. Auch die Nachbehandlung mit Plättchenhemmern ist identisch. Lediglich der implantierende Kardiologie ist bei der Implantation an bestimmte, herstellerabhängige Schritte bei der Implantation gebunden.

Ist die neue Therapie mit bioresorbierbaren Stents sicher und effektiv?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Mehrere Studien zeigen eine Effektivität, die vergleichbar ist mit konventionellen Metallstents bei exzellentem Sicherheitsprofil, was zur Zulassung sowohl in Europa als auch durch die US-amerikanische Food and Drug Administration (FDA) geführt hat. Eine klinische Überlegenheit der neuen bioresorbierbaren Stents kann nur in Langzeitstudien nachgewiesen werden, was derzeit noch aussteht. Ein Wehrmutstropfen: Bei unkritischem Einsatz jenseits der zugelassenen Indikationen sind gehäufte Blutgerinselbildungen (Stentthrombosen) beschrieben.

Was sind die Vorteile der neuen bioresorbierbaren Stents?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Klarer Vorteil der neuen Technik ist, dass langfristig nach Implantation bioresorbierbarer Stents kein Fremdmaterial in der Herzkranzarterie verbleibt. Die Gefäßmuskulatur ist nicht mehr lebenslang „gefangen” im Metallkäfig, sondern kann sich, wie in einem gesunden Gefäß, bei Bedarf zusammenziehen und entspannen, um die Durchblutung des Herzens der Belastung anzupassen. Ferner ist eine spätere Bypassversorgung durch das fehlende „störende”‘ Metall möglich. Die nicht-invasive Bildgebung der Herzkranzarterien mittels Kernspintomographie (Cardio-MRT) und Computertomographie (Cardio-CT) kann durch Metallstents behindert bis unmöglich werden.

Welche Nachteile gilt es zu bedenken?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Ganz klar die eingeschränkte Erfahrung bei Patienten mit multiplen, komplizierten Engen an den Herzkranzarterien. Die sehr guten Studienergebnisse sind an Patienten mit relativ umschriebenen Einengungen an den Herzkranzarterien erhoben und dürfen daher nicht pauschal auf alle Patienten übertragen werden. Außerdem sind bioresorbierbare Stents 10 bis 20 mal so teuer wie ein vergleichbares Metallimplantat.

Gibt es in ferner Zukunft noch nicht-resorbierbare Koronarstents?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit: ja. Langstreckige, stark verkalkte, „steinharte Gefäßengen ”, die gehäuft, aber nicht ausschließlich bei älteren Patienten und Dialysepatienten gefunden werden, brauchen sicherlich eine lebenslange Schienung, um sicher langfristig offen zu bleiben.

Geht es auch ganz ohne Stent?

PD Dr. med. Wolfgang Bocksch: Definitiv ja, aber nur bei wenigen Patienten. Bis 1995 hat man alle interventionell behandelten Koronarstenosen mit einem Ballon behandelt. Die Langzeitergebnisse mit Rezidivraten bis 50 Prozent waren jedoch mäßig und haben zum Ablösen des Verfahrens der reinen Ballonaufdehnung durch zunächst den unbeschichten Metallstent und später den medikamenten-freisetzenden Stent mit Rezidivraten von unter fünf Prozent auch bei komplexen Gefäßengen geführt. Eine innovative Entwicklung der alleinigen Ballonaufdehnung ist der sogenannte medikamentenfreisetzende Ballon, der heute schon etabliert als Standardtherapie erfolgreich zur Behandlung der Rezidivstenose in einem bereits implantierten Stent eingesetzt wird und den man auch erfolgreich in sehr kleinen Herzkranzgefäßen mit einem Durchmesser unter 2,5 Millimeter erfolgreich als stentfreie Behandlung einsetzten kann.