16. Juni 2016 von Oliver Winklmüller in Newsroom
© A. Thierbach/Sana Kliniken Leipziger LandDr. med. Uwe Müller
© A. Thierbach/Sana Kliniken Leipziger Land

Sekundenschlaf: Tödliche Gefahr am Steuer

Schlafmediziner Dr. med Uwe Müller im Interview

Nach einer Studie des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrum ist fast jeder fünfte Unfall müdigkeitsbedingt.

Nachts sollen sogar mehr als vier von zehn Unfällen ihre Ursache darin haben, dass mindestens ein Unfallteilnehmer ermüdet war. Dr. med. Uwe Müller ist Schlafmediziner am Sana Klinikum Borna. Im Rahmen des »Tag des Schlafes« am 21. Juni 2016 sagt er, was zu beachten ist.

Viele sind heute Morgen mit dem Auto zur Arbeit gefahren. Wie viele Fahrer waren wohl zu müde zum Fahren?
Müller: So pauschal lässt sich das nicht beurteilen, denn zum einen gibt es keine wirklich verlässlichen statistischen Daten, zum anderen gibt es keine objektiv messbaren Kriterien, wie etwa den Promillewert beim Röhrchenpusten, nach denen man objektiv beurteilen könnte, ob oder gar wie sehr jemand zu müde zum Autofahren ist. Aber wir Schlafmediziner schätzen, dass ein Großteil aller tödlichen Unfälle auf unseren Straßen mit Schläfrigkeit in Verbindung gebracht werden kann.

Ist Sekundenschlaf demnach gefährlicher als Alkohol am Steuer?
Nein, aber es herrscht ein anderes Bewusstsein. Während viele nach dem zweiten Glas Bier das Auto stehen lassen, wird Müdigkeit oft nicht wirklich als potenzielle Gefahr wahrgenommen. Dabei stellt die Schläfrigkeit eine häufigere tödliche Unfallursache im Straßenverkehr dar als das Fahren unter Alkohol. Denn nach internationalen Studien geht immerhin jeder sechste Unfalltote auf die Beteiligung eines schläfrigen Fahrers zurück, bei Alkohol als Ursache ist es „nur“ jeder 13. Verkehrstote im Jahr 2014 gewesen.

Wie lange dauert eigentlich der Sekundenschlaf?
Mediziner sprechen von sogenannten Mikroschlafepisoden. Diese können sehr kurz sein – aber auch zehn oder 15 Sekunden oder noch länger dauern. Die Augen müssen dabei übrigens nicht unbedingt geschlossen sein.

Was sind Ursachen für den Sekundenschlaf?
Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, welche gemeinsam mit der Europäischen Gesellschaft für Schlafforschung durchgeführt wurde, beschäftigte sich mit Häufigkeit und Ursachen von schläfrigkeitsbedingten Unfällen. Sie wurde in 19 europäischen Ländern mit über 12.700 Befragungen von Verkehrsteilnehmern durchgeführt: 42,5 Prozent der Befragten gaben an, in der vorausgehenden Nacht vor einem Unfall infolge Einschlafens am Steuer schlecht geschlafen zu haben. Weitere 34 Prozent sahen sich als einen gewohnheitsmäßigen schlechten Schläfer. Weitere wissenschaftliche Studien belegen diese Daten: Schlafstörungen wie die Schlaf-Apnoe und die Ein- und Durchschlafstörungen können das Unfallrisiko im Straßenverkehr verdoppeln, für eine Schlafstörung, wie die Narkolepsie, ergibt sich ein bis zu siebenfach erhöhtes Risiko für Schläfrigkeitsunfälle. Rund 16 Prozent der Befragten der europäischen Studie gaben an, vorausgehend lange Strecken gefahren zu sein. 15 Prozent der Autofahrer mit Sekundenschlaf am Steuer waren Schichtarbeiter und fast 13 Prozent gaben an, zum Zeitpunkt des Unfalles üblicherweise gar nicht wach zu sein, sondern im Bett zu liegen und zu träumen. Ein weiteres Risiko sind auch manche Medikamente, die der Patient einnehmen muss. Rund 15 bis 20 Prozent der auf dem deutschen Markt zugelassenen Medikamente können nach Angabe der Hersteller die Fahrtauglichkeit beeinträchtigen. Dies sind insbesondere Schlafmittel, Psychopharmaka und Schmerzmittel, aber auch z.B. Anti-Allergie-Präparate.

Warum wird die Gefahr noch immer unterschätzt?
Der Begriff »Sekundenschlaf« suggeriert manch einem: »Die Gefahr ist ja nur kurz, was soll schon groß passieren?« Dabei wird jedoch ignoriert, dass ab einer gewissen Müdigkeit die Fahrtüchtigkeit insgesamt schlichtweg  nicht mehr gegeben ist.

Wie lässt sich Müdigkeit am Steuer verhindern?
Radio laut, Fenster runter, Energydrink-Dose auf – vergessen Sie es! Müdigkeit am Steuer lässt sich durch langfristige Planungen verhindern. Gerade auf längere Fahrten sollte man sich nur ausgeruht begeben und ausreichend Zeit für regelmäßige Pausen einplanen. So simpel es klingt: Das beste Mittel gegen Müdigkeit ist tatsächlich Schlaf – aber eben nicht am Steuer, sondern auf dem Parkplatz. Ein so genannter »Powernap« von maximal 20 oder 30 Minuten hilft wirklich. Keinesfalls jedoch länger, sonst fährt der Kreislauf runter und Sie kommen in tiefere Schlafstadien.