2. Mai 2016 von Janet Schütze in Medizin des Lebens
© Sana Kliniken Leipziger Land GmbHDr. Eva-Maria Ziegler ist Fachärztin für Frauenheilkunde und Koordinatorin des Beckenboden-Kontinenzzentrums in Borna.
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»Blasenschwäche ist ein weit verbreitetes Alltagsproblem«

Gute Therapieaussichten bei der Behandlung von Inkontinenz

Millionen Menschen fast aller Altersstufen quälen sich damit. Dennoch ist die Inkontinenz ein großes Tabuthema.

Die Betroffenen leiden still und ziehen sich peu à peu aus dem sozialen Umfeld zurück. Hilfe finden sie am zertifizierten Beckenboden-Kontinenzzentrum in Borna. Mit welchen Therapieansätzen die Patienten ein großes Stück ihrer Lebensqualität zurückgewinnen, erläutert die Koordinatorin des Zentrums und Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe Dr. med. Eva-Maria Ziegler.

Was ist Inkontinenz?

Unter Inkontinenz versteht man die mangelnde oder fehlende Fähigkeit des Körpers, den Inhalt von Blase und/oder Darm sicher zu verwahren und selbst zu bestimmen, wann und wo sie/er entleert werden soll. Die Folge sind meist unwillkürlicher Urinverlust oder Stuhlabgang.

Die britische Schauspielerin Kate Winslet, die viele Menschen aus dem Film „Titanic“ kennen, hat erst kürzlich offen darüber gesprochen, dass sie nach ihren drei Schwangerschaften unter einer Blasenschwäche leide. Wie viele Menschen sind von Inkontinenz betroffen?

Wenn man allein die Harninkontinenz betrachtet, kann man in Deutschland von über sechs Millionen Menschen ausgehen. Die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich bei zehn Millionen. Blasenschwäche ist also keine Bagatelle, sondern ein weit verbreitetes Alltagsproblem. Es ist daher wichtig, darüber aufzuklären, dass Inkontinenz ein sehr häufiges Symptom ist, das fast alle Altersstufen und beide Geschlechter betrifft. Und – das ist die wichtigste Nachricht – sie kann in den meisten Fällen erfolgreich behandelt werden.

Was bedeutet es, betroffen zu sein?

Wie erwähnt geht die Erkrankung mit unwillkürlichem Harn- oder Stuhlabgang einher. Durch die damit verbundene Geruchsbelästigung und die Notwendigkeit, ständig eine Toilette in der Nähe zu haben, nehmen die Betroffenen oft nicht mehr oder nur sehr eingeschränkt am sozialen Leben teil. Dies schränkt den Alltag deutlich ein und es leidet das Selbstwertgefühl erheblich. Dies führt zu sozialer Isolation, Angst und Vereinsamung bis hin zur Depression.

Die Inkontinenz beginnt ja nicht erst dann, wenn die Fähigkeit, Urin oder Stuhl zurückzuhalten, vollständig verloren gegangen ist. Ab wann sollten Betroffene zum Arzt gehen?

Sobald sie Symptome an sich wahrnehmen, die die eigene Lebensqualität einschränken und sie deshalb einen Leidensdruck verspüren. Der erste Schritt ist der Gang zum Haus-,  Frauenarzt oder Urologen. Er kann die Betroffenen mit Leidensdruck dann in eine Spezial-Sprechstunde überweisen.

Was erwartet die Patienten in der Sprechstunde?

In der Sprechstunde beginnt nach der Erhebung der Krankengeschichte eine sorgfältige Diagnostik. Dazu gehören bei Frauen die gynäkologische Untersuchung, eine Ultraschalluntersuchung und, wenn notwendig, eine urodynamische Funktionsmessung der Harnblase. Der Beckenboden wird palpatorisch – das heißt durch Tasten – und mit Hilfe des Ultraschalls beurteilt. Darüber hinaus wird die elektrische Aktivität der Muskeln untersucht. Aus den Ergebnissen der Diagnostik und Anamnese wird dann ein Therapiekonzept erstellt, das die Beschwerden, die Beschwerdeausprägung, die individuellen Ausgangsbedingungen, aber auch die Wünsche der Patientin berücksichtigt.

Was ist das Besondere am Beckenboden-Kontinenzzentrum?

Unser Beckenboden- und Kontinenzzentrum vernetzt Ärzte und Therapeuten verschiedener Kliniken und Fachabteilungen. Einmal im Monat sitzen Gynäkologen, Proktologen, Urologen, Neurologen, Geriater, Kinderärzte und Chirurgen mit Physiotherapeuten, Ernährungsberatern, Sozialarbeitern und einer Fachkraft für Kontinenzförderung zur Fallbesprechung an einem Tisch. Dank Computervernetzung kennen vorab alle die Befunde. Unterstützt wird unser Team von externen Partnern: niedergelassenen Gynäkologen, Urologen und Neurologen, einer Sexualtherapeutin und einer Naturheilmedizinerin. Gemeinsam legen wir die individuell beste Therapie fest.

Wie sieht das therapeutische Vorgehen aus?

Zu allererst wird meist versucht, konservativ zu behandeln. Im Mittelpunkt dabei steht der Beckenboden. Die  fehlende Wahrnehmung des eigenen Beckenbodens ist nicht selten und  kann durch eine Elektrostimulationsbehandlung verbessert werden. Diese wird immer mit einer physiotherapeutisch angeleiteten Beckenbodengymnastik kombiniert. Eine weitere Möglichkeit zur Kräftigung ist der Galileo-Vibrationstrainer oder der Beckenbodentrainer, welche in unserem BBKZ zur Verfügung stehen.  Durch eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur und Verbesserung  der Koordination werden die Halte- und Verschlussfunktionen von Blase und Darm unterstützt. Wichtig ist hier aber vor allem Geduld, Ausdauer und regelmäßiges Training. Nach drei bis vier Monaten Therapie wird der Beckenboden erneut untersucht und ein fortführender Therapieplan erstellt. Es stehen uns außerdem Medikamente zur Verfügung, welche Drangbeschwerden der Harnblase lindern oder die Verschlussfunktion stärken können. Sind alle nicht-operativen Maßnahmen jedoch ausgeschöpft und die Beschwerden nicht zufriedenstellend gelindert, müssen operative Therapieoptionen erwogen werden.

Angenommen die konservative Therapie reicht nicht aus: Welche operativen Behandlungsmöglichkeiten gibt es und wie erfolgversprechend sind sie?

Eine Möglichkeit bei der Belastungsharninkontinenz ist das Einsetzen eines so genannten TVT-Bandes, das eine Erfolgsquote von bis zu 80-90 Prozent verspricht. Eine Alternative bei Frauen  ist die seit Jahrzehnten angewandte Burch-OP, bei der die seitlichen Scheidenränder angehoben und näher an der Beckenwand fixiert werden. Dadurch wird ebenfalls der Verschlussdruck in der Harnröhre unterstützt, der für den Kontinenzmechanismus der Harnblase notwendig ist. Allerdings ist ein kleiner Bauchschnitt erforderlich. Die Erfolgsquote liegt bei zirka 80 Prozent.

Ein weiteres minimal-invasives Verfahren ist die Bulkamid-Injektion. Sie ist vor allem für Patientinnen mit einer starren Harnröhre, wie nach einer Bestrahlung, oder bei höheren OP-Risiken aufgrund anderer Grunderkrankungen geeignet. Mit einem speziellen Instrument werden an drei Stellen Gel-Polster in die Harnröhrenwand gespritzt. Dadurch wird ebenfalls ein besserer Verschluss der Harnröhre erreicht und die Kontinenz wiederhergestellt. Stehen Drangbeschwerden im Vordergrund und ist eine konservative und medikamentöse Therapie nicht erfolgreich, stehen uns auch hier invasive Verfahren zur Verfügung. Es gibt die Möglichkeit einer EMDA-Behandlung, bei der Medikamente in die Harnblase eingebracht werden und diese ihre Wirkung direkt vor Ort entfalten können. Die Injektion des Botox-Toxins in die Harnblasenwand ist ein etabliertes und anerkanntes Verfahren, um konservativ nicht therapierbare Überaktivitäten der Harnblase zu behandeln. Alternativ gibt die Sakrale Neuromodulation als sichere und langfristig erfolgreiche Therapie bei der überaktiven Blase und Beckenbodenfunktionsstörungen. Dabei wird ein Blasenschrittmacher implantiert, der über die Stimulation der Sakralnerven, die die Information zwischen Blase, Beckenboden und Gehirn übermitteln, zu einer Normalisierung der Blasenfunktion führt.