11. April 2016 von Philipp Jauch in Hygiene
© Sana Kliniken AGDurch den achtsamen Umgang mit Antibiotika in Kliniken soll das Resistenzproblem gelöst werden.
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Auf die Bremse steigen

"Die richtigen Antibiotika wohlüberlegt einsetzen"

Mit Antibiotic Stewardship, dem achtsamen Umgang mit Antibiotika, versuchen Kliniken, das Resistenzproblem in den Griff zu bekommen.

Das Wort « Antibiotika » kommt aus dem Griechischen und bedeutet « gegen Lebendes ». Gemeint sind damit natürlich vorkommende oder synthetisch hergestellte Substanzen, die das Wachstum von Bakterien hemmen oder sie abtöten. Schimmelpilze zum Beispiel produzieren zur Abwehr von Bakterien Penicillin — jenes Antibiotikum, das als erstes für therapeutische Zwecke entdeckt wurde. Heute sind Antibiotika weltweit die am meisten verschriebenen Medikamente. Das Erfolgsgeheimnis dieser Mittel: Ihre Wirkstoffe greifen im Gegensatz zu vielen anderen Bakterienkillern nur dort an, wo sich bakterielle Zellen von menschlichen unterscheiden. So hemmen Antibiotika etwa den Aufbau der schützenden Bakterien-Zellwand. Oder sie greifen in die Proteinproduktion der Bakterien ein und bringen die Keime damit zum Absterben. Auf diesen Grundlagen wurde ein breites Spektrum von Antibiotika entwickelt, die gezielt gegen Bakterien wirken, ohne die menschlichen Zellen zu schädigen.

Gefahr im Verzug

Bei der Bekämpfung von bakteriellen Infektionen sind Antibiotika die stärkste und oft die einzige lebensrettende Waffe. Das Problem ist nur, dass diese Waffe immer stumpfer wird. Denn jede Antibiotikatherapie produziert Resistenzen. Je häufiger Bakterien mit Antibiotika in Kontakt kommen, desto öfter kommt es zu Mutationen, die sie widerstandsfähig gegen die Wirkung dieser Mittel machen. In der Kritik steht deshalb der massenhafte Antibiotikaeinsatz in der Viehwirtschaft. Aber auch in der Humanmedizin werden Antibiotika immer noch unnötig und unbedacht verordnet. Zu niedrig dosierte oder zu lang gegebene Antibiotikagaben etwa fördern die Bildung von Resistenzen, ebenso wie die völlig sinnlosen, aber immer noch gängigen Antibiotikatherapien gegen Viruserkrankungen. Auch der rezeptfreie Verkauf von Antibiotika in Ländern wie Griechenland, Spanien oder Indien führt zum Anstieg von Resistenzen. Im Sommer 2014 hat die Weltgesundheitsorganisation eindringlich vor der voranschreitenden Zunahme von resistenten Bakterienstämmen gewarnt. « Das Problem ist so ernst, dass es die Errungenschaften der modernen Medizin bedroht », heißt es dort. Gegen diese Gefahr hilft nur eine Strategie: der zurückhaltende, wohlüberlegte und sorgfältige Einsatz von Antibiotika.

Stellhebel gegen Resistenzen

Um auf diesem Weg ein gutes Stück voranzugehen, schulen sich Ärzte und Apotheker der Sana Kliniken im Rahmen der Fortbildung « Antibiotic Stewardship », kurz ABS. Dabei erhalten sie profundes Wissen über Antibiotikatherapien, über die Entstehung von Resistenzen und über Strategien zu deren Eindämmung. Einer der Kursabsolventen ist Dr. Tobias Lange, Facharzt für Innere Medizin und als Oberarzt zuständig für die Intensivstation im Regio Klinikum Elmshorn. « Seit dieser Fortbildung bin ich sicher, dass der bewusste Einsatz von Antibiotika ein wirksamer Stellhebel gegen die globale Resistenzproblematik ist », so Lange. « Der klinische Bereich ist zwar nur das kleinste Glied der Kette, aber auch wir können und müssen handeln. » Zum Beispiel durch die Einführung einer mikrobiologischen Visite, zu der sich ein Infektiologe, ein Mikrobiologe, der Klinikapotheker und der Hygienebeauftragte einmal wöchentlich treffen. Die Fachexperten entwickeln passende Antibiotikatherapien für kritische Fälle und beraten die Klinikkollegen entsprechend. Das schärft das Bewusstsein für den verantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika und verbessert die Qualität der Therapie. Welchem Patienten hilft welches Antibiotikum zu welchem Zeitpunkt, in welcher Dosierung und über welchen Zeitraum am besten? Als Intensivmediziner weiß Lange, wie wichtig diese gründlichen Überlegungen bei Antibiotikatherapien sind. « Hit hard and early » lautet etwa der ABS-Leitsatz bei kritischen oder lebensbedrohlichen Infektionen. Die erste Antibiotikadosis soll hoch sein und sofort gegeben werden. Ist der Keim im Labor dann identifiziert, kann das spezifisch am besten wirkende Antibiotikum eingesetzt werden. Und wenn das Mittel im Therapieverlauf seine Wirkung gezeigt hat, sollte es rechtzeitig abgesetzt werden, damit das Immunsystem des Patienten den Kampf alleine beenden kann und wichtige Darmbakterien geschont werden. « Antibiotika sind eine Art Hilfspolizei der körpereigenen Abwehr », erklärt Lange. « Ihr Job ist beendet, wenn das Immunsystem wieder handlungsfähig ist. »

Kontrolliert und transparent

Zum Antibiotic Stewardship gehört auch die Kontrolle des Antibiotikaeinsatzes in der Klinik. Im stationären Bereich etwa ist der Klinikapotheker angehalten, Breitbandantibiotika wie Carbapeneme nur noch mit Sonderrezept auszuhändigen. « Diese sogenannten Reserveantibiotika gehören zu den wenigen noch wirksamen Mitteln bei Infektionen mit resistenten Keimen, deshalb sollten sie möglichst sparsam verwendet werden », erklärt Jan Leuthold, Pharmazeut und Geschäftsführer der Sana Klinik Einkauf GmbH. Weiterer Teil des ABS-Programms in Elmshorn ist eine computergestützte Dokumentation, mit der die Antibiotikatherapie jedes einzelnen Patienten genau erfasst und bewertet werden kann. Auch diese Transparenz fördert den bewussten Einsatz von Antibiotika und trägt zur Vermeidung von Resistenzen bei. Wie wirksam die Einführung von Antibiotic Stewardship in Kliniken ist, zeigen Studien aus den USA und den Niederlanden. Dort sind solche Programme schon länger etabliert und haben zu einem Rückgang des Antibiotikaverbrauchs von bis zu 40 Prozent geführt. Jan Leuthold betont aber, dass die Senkung der Verbrauchsmenge nur ein Effekt der ABS-Programme ist: « Primär geht es darum, die richtigen Antibiotika wohlüberlegt einzusetzen, um den Patienten schnell wieder gesund werden zu lassen und Resistenzen einzudämmen. »