4. März 2016 von Martin Sprung in Neue Verfahren
© Krankenhaus Rummelsberg gGmbH

Gangstörungen richtig behandeln

Experteninterview zum Thema "Gangstörungen im Kindesalter"

In Deutschland leben etwa 100.000 Kinder und Jugendliche mit einer schweren Gangstörung. Chefarzt Prof. h.c. Dr. med. univ. Strobl im Interview.

Herr Chefarzt Prof. h.c. Dr. med. univ. Walter Strobl hält am Samstag, den 5. März 2016 um 10 Uhr einen Vortrag im Krankenhaus Rummelsberg über die Diagnose und Therapie bei Gangstörungen. Fachleute, Interessierte sowie Betroffene sind herzlich eingeladen.

In Deutschland leben etwa 100.000 Kinder und Jugendliche mit einer schweren Gangstörung. Doch auch Erwachsene sind bei Gelenkschäden, nach Unfällen, Schlaganfällen oder Stoffwechselerkrankungen von Bewegungseinschränkungen betroffen. Die Behandlung dieser Patienten ist ein Schwerpunkt im Krankenhaus Rummelsberg. Auf der interdisziplinären Station für Menschen mit Mehrfachbehinderung therapieren Experten aus Orthopädie und Neurologie gemeinsam die oftmals komplexen Krankheitsbilder. Mit den bei Kindern zumeist angeborenen Gangstörungen beschäftigt sich Prof. h.c. Dr. med. univ. Walter Strobl, Chefarzt der Klinik für Kinder-, Jugend und Neuroorthopädie. Wir haben mit Prof. Strobl über dieses komplexe Gebiet der Medizin gesprochen.

Herr Professor Strobl, was ist eigentlich eine Gangstörung?
Prof. Dr. Walter Strobl: Gangstörungen sind Auffälligkeiten des menschlichen Gangbilds, wie beispielsweise Hinken, Stolperneigung, Gangunsicherheit, Muskelschwäche oder Spastik und Dystonie, also überschießende Bewegungen. All diese Bewegungsmuster haben neurologische, muskuläre oder knöcherne Ursachen. Wenn diese Gangstörungen kombiniert vorkommen, sprechen wir von einer komplexen Gangstörung.

Ist eine Gangstörung immer angeboren?
Prof. Dr. Strobl: Nein, die meisten Gangstörungen sind tatsächlich erworben. Im Erwachsenenalter können Gelenkabnutzungen, Unfälle, Achsfehlstellungen und Stoffwechselerkrankungen, aber auch neurologische Erkrankungen wie Schlaganfälle oder die Parkinsonsche Erkrankung, der Grund für Gangstörungen sein. Gangstörungen bei Kindern hingegen sind häufiger angeboren, können sich während des Wachstumsalters weiter verschlechtern.

Wie werden Gangstörungen diagnostiziert?
Prof. Dr. Strobl: Eine einfache Gangstörung, wie ein Hinken bei einer Beinlängendifferenz, ist für das menschliche Auge gut feststellbar. Wenn gleichzeitige mehrere Bewegungsstörungen, zum Beispiel Muskelschwäche, Spastik und eine einwärts gedrehte Beinachse, auftreten, kann das menschliche Auge diese Bildinformationen nicht mehr ausreichend auflösen. Hier ist eine Video-Analyse in Slow-Motion die beste Diagnostik. Mit unserem neuen Ganganalyselabor im Krankenhaus Rummelsberg haben wir dafür die optimalen Bedingungen. Im Vergleich zu herkömmlichen Videokameras ist es uns nun möglich, die Gangbilder unserer Patienten mit Hilfe der High-Speed-Kameras in allen Ebenendes Raums und mit Messung der Gelenkwinkel und Drehmomente bestmöglich zu analysieren.

Sie sind Kinder- und Neuroorthopäde. Was macht die Diagnostik von Gangstörungen bei Kindern besonders?
Prof. Dr. Strobl: Erwachsene können einen Schmerz klar artikulieren und den Ort benennen. Bei Kindern gibt nicht selten erst eine Gangstörung den entscheidenden Hinweis auf ein medizinisches Problem, da Schmerzen in andere Körperregionen projiziert werden. In einem erst kürzlich auftretenden Fall äußerste ein Kind Bauchschmerzen. Erst die orthopädische Untersuchung inklusive Ganganalyse hat ergeben, dass eine angeborene Erkrankung des Kniegelenkes vorliegt, die nach operativer Behandlung zu einer Beendigung der Schmerzen geführt hat. Bei Kindern ist eine bildbasierte Diagnostik wie im Ganganalyselabor extrem hilfreich.

Wie viele Kinder in Deutschland sind von komplexen Gangstörungen betroffen?
Prof. Dr. Strobl: Es gibt keine genauen Statistiken, jedoch wissen wir, dass es in Deutschland rund 100.000 Kinder mit angeborenen Bewegungsbehinderungen, z.B. Cerebralparesen, gibt, die ihr Leben lang eine Versorgung und Behandlung ihrer Gangstörung benötigen.

Wie behandeln Sie diese jungen Patienten?
Prof. Dr. Strobl: Das hängt von der Diagnostik ab. Wenn leichte neurologische Ursachen oder Muskelschwächen im Vordergrund stehen, kann gezielte Physiotherapie schon zu erheblichen Besserungen führen. Bei Gleichgewichtsproblemen und überschießenden Bewegungen sollte geprüft werden, ob mit medikamentösen Behandlungen eine Verbesserung der Symptome erreicht werden kann. Liegt die Problematik bei Knochen und Gelenken oder schwereren Lähmungen wirkt eine Orthese, also eine Schiene, oder auch eine Operation als letzter Schritt sehr gut.

Welche Möglichkeiten können Sie und Ihr Team im Krankenhaus Rummelsberg bieten?
Prof. Dr. Strobl: Mit dem neuen Ganganalyselabor können wir nun tatsächlich eine umfassende Behandlung von Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates von der Diagnostik bis zur Nachsorge optimal anbieten. Dies haben wir in unserem kombinierten Behandlungskonzept abgebildet. Das Ganganalyselabor ermöglicht eine perfekte Diagnostik, auf die wir sogar im OP per Video zurückgreifen können. Therapeutisch können wir auf unsere spezialisierten Physiotherapeuten und Heilerziehungspfleger zurückgreifen und in unserem interdisziplinären Zentrum für Menschen mit Mehrfachbehinderung in Zusammenarbeit mit der Klinik für Neurologie individuelle Therapien anbieten. Die orthopädische Werkstatt direkt vor Ort fertigt passgenaue Hilfsmittel an. Zur Nachsorge nutzen wir abschließend ebenfalls das Ganglabor. So können wir objektiv und unabhängig den Erfolg unserer Therapie messen.

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