© Thinkstock / iStockphotoWenn ein Bauchaortenaneurysma zu platzen droht, empfindet der Betroffene unerträglichen Bauchschmerz mit Ausstrahlung in den Rücken, Übelkeit und Brechreiz.
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Bauchaortenaneurysma – Zeitbombe im Körper

Jeder zweite Todesfall durch Bauchaortenaneurysma könnte vermieden werden

Experten gehen davon aus, dass etwa 9 % der Deutschen über 65 Jahre eine Aussackung der Hauptschlagader haben, wobei es sich überwiegend um Männer handelt.

Nicht zuletzt durch die Alterspyramide ist das Aortenaneurysma keine Seltenheit mehr. Experten gehen davon aus, dass etwa 9 Prozent der Deutschen über 65 Jahre eine Aussackung der Hauptschlagader haben, wobei es sich überwiegend um Männer handelt. In der Regel merkt der Betreffende nichts davon. Ab einer bestimmten Größe besteht jedoch die Gefahr, dass das Aneurysma platzt und der Patient auf der Stelle verblutet. Wenn ein Bauchaortenaneurysma zu platzen droht, empfindet der Betroffene unerträglichen Bauchschmerz mit Ausstrahlung in den Rücken, Übelkeit und Brechreiz. Das Leben ist in diesem Falle nur durch einen sofortigen chirurgischen Eingriff zu retten. Hier liegen die Überlebenschancen jedoch nur noch bei etwa 50 Prozent. Daher sollte ein Aneurysma, das größer als 5 cm Durchmesser ist oder schnell wächst, operiert werden, bevor etwas passiert.

Gefäßverkalkung als Ursache

In der Regel liegt einem Aortenaneurysma eine Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) zugrunde. Die Gefäßwand weitet sich mehr und mehr aus und wird dabei dünner und schwächer. Das Risiko nimmt mit zunehmendem Alter zu, obwohl auch durchaus schon 50-Jährige und jüngere Menschen davon betroffen sein können. In seltenen Fällen kann auch ein Unfall oder eine Verletzung später zu einem Aneurysma führen.

Das Aortenaneurysma wird meist durch Zufall bei einer Ultraschalluntersuchung entdeckt. Das weitere Prozedere ist von der Größe der Aussackung abhängig. Kleine Aneurysmen sind normalerweise ungefährlich; man muss sie nur beobachten. Hierzu sollten Kontrolluntersuchungen mit dem Ultraschall im halbjährlichen Abstand durchgeführt werden. Erst wenn das Aneurysma plötzlich rasch an Größe zunimmt und der Durchmesser 5 cm übersteigt, sollte eine Operation erfolgen.

Endovaskulär oder offen operieren?

Die Ausschaltung des Aneurysmas kann durch eine offene Operation oder endovaskulär, also „fernsteuert“ von innen, erfolgen. Bei der offenen Operation wird die Bauchschlagader abgeklemmt und das Aneurysma geöffnet. Dann wird eine Kunststoffprothese an der erweiterten Stelle eingenäht. Die Aussackung ist damit ausgeschaltet. Es handelt sich hierbei natürlich um eine große Operation, die auch eine größere Narbe hinterlässt. Andererseits ist das Aneurysma damit endgültig und zuverlässig beseitigt.

Eleganter und weniger belastend für den Patienten ist die endovaskuläre Methode. Bei diesem etwa zwei Stunden dauernden Eingriff wird eine Gefäßprothese (Stentgraft) über zwei kleine Einschnitte in der Leiste mittels Führungsdraht zum Aneurysma vorgeschoben und unter Röntgenkontrolle freigesetzt. Die Aussackung wird also von innen ausgeschaltet. Allerdings kommt dieses Verfahren nicht für jedes Aneurysma in Frage. Oberhalb des Aneurysmas muss genügend gesunde Gefäßwand vorhanden sein, damit sich der Stentgraft verankern kann, ohne dabei die Nierengefäße abzuklemmen. Ist das nicht der Fall, bleibt nur die offene Operation. Durch den Einsatz von sogenannten „verzweigten“ Stentgrafts können allerdings mittlerweile auch komplexe Bauchaortenaneurysma-Patienten mit der schonenderen interventionellen Methode versorgt werden.

Beim endovaskulären Verfahren muss die Lage des Stentgrafts auch nach der Operation regelmäßig kontrolliert werden, da dieser verrutschen kann.

Interdisziplinäre Diagnostik: alle Risikofaktoren checken!

Welches Verfahren das beste für den jeweiligen Patienten ist, sollte individuell abgewogen werden. Hierfür ist sorgfältige Diagnostik notwendig, die laut Bundesministerium durch ein interdisziplinäres Team aus Gefäßchirurgen, Radiologen und Innerer Medizin (Kardiologie, Pulmonologie, Gastroenterologie) sichergestellt werden muss. Der Patient durchläuft dabei mehrere Stationen, wobei nicht nur sein Aneurysma, sondern sein gesamter Gesundheitszustand einer genauen Prüfung unterzogen werden sollte. Eine Gefäßerkrankung ist in aller Regel eine Allgemeinerkrankung. Daher sollte hier ein kompletter Check-up aller Risikofaktoren, inklusive einer Untersuchung auf Verengung der Herzkranzgefäße, durchgeführt werden.

Vorsorgeuntersuchungen sinnvoll

Man geht heute davon aus, dass jeder zweite Todesfall durch Bauchaortenaneurysma vermieden werden könnte. Eine einmalige Vorsorgeuntersuchung mittels Ultraschall ab dem Alter von 60 Jahren sollte daher zumindest bei Männern zum normalen Standard-Check-up zählen.

Ansonsten gelten, wie bei jeder Gefäßerkrankung auch beim Bauchaortenaneurysma, die üblichen Vorbeugemaßnahmen gegen Gefäßverkalkung: nicht rauchen, Gewicht reduzieren und viel Bewegung. Außerdem müssen Blutzucker, Blutfettwerte und Blutdruck optimal eingestellt werden. Eine Gefäßverkalkung lässt sich nach heutigem Wissensstand nicht rückgängig machen. Aber sie lässt sich durch eine gesunde Lebensweise durchaus verlangsamen oder aufhalten.

Laut Beschluss des Bundesministeriums für Gesundheit sollen Aussackungen der Bauchschlagader nur noch in Gefäßzentren mit klar definierten Strukturen operiert werden (gBA-Kriterien). Der Grund: Nur hier verfügt man über die entsprechende Erfahrung und Einrichtungen, um die für den einzelnen Patienten optimale Behandlung zu garantieren. Achten Sie daher bei der Auswahl Ihrer Klinik auf folgende Kriterien:

  • Klinikum der Maximalversorgung mit entsprechender Ausstattung
  • gefäßchirurgischer Bereitschaftsdienst / Überwachung rund um die Uhr
  • Es werden beide Behandlungsverfahren angeboten (offen und endovaskulär).
  • Zulassung durch den Medizinischen Dienst der Krankenkassen (gBA Kriterien erfüllt)
  • Teilnahme an Qualitätssicherungsmaßnahmen und Bereitschaft, die Ergebnisse dem Patienten mitzuteilen

 

Ein Überblick über die zertifizierten Gefäßzentren in Deutschland ist auf der Website der Deutschen Gesellschaft für Gefäßchirurgie zu finden unter www.gefaesschirurgie.de.

 

 

 

Prof. Dr. med. Arend Billing ist Chefarzt der Gefäßchirurgie am Sana Klinikum Offenbach. Der endovaskuläre Spezialist mit langjähriger Erfahrung u. a. in der Aortenchirurgie, Bypasschirurgie sowie insbesondere in den interventionellen Techniken baute das Gefäßzentrum Offenbach auf, das 2007 als erstes Gefäßzentrum Südhessens die Zertfizierung erhielt. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die minimal-invasiven Techniken einschließlich Aortenstentgraft und der umfassenden Behandlung der Schaufensterkrankheit.

Adresse

Sana Klinikum Offenbach GmbH
Starkenburgring 66
63069 Offenbach