© Sana Kliniken AGIn Deutschland erleiden jedes Jahr rund 1.500 Menschen eine Querschnittlähmung. Weltweit sind etwa drei Millionen Menschen querschnittgelähmt.
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Das Leben geht weiter

Querschnittlähmung

In Ulm werden Patienten mit Rückenmarkverletzungen körperlich und seelisch auf ein Leben vorbereitet, das sie wieder weitgehend selbständig meistern können.

„Fridolin“ gehört zum festen Inventar des Ulmer Querschnittgelähmtenzentrums. Die Schaufensterpuppe steht im Aufenthaltsbereich und steckt in einer Art Raumanzug, der mit zwei Kompressoren aufgepumpt wird. Die NASA hatte das Therapiegerät in den 1970er-Jahren als Gehhilfe für Querschnittgelähmte entwickelt, in der Praxis hat es sich aber nicht bewährt. Durchgesetzt hingegen hat sich der damals noch junge Behandlungsansatz, akut Querschnittgelähmte möglichst schnell in ein Spezialzentrum für Rückenmarkverletzte zu bringen. 26 solcher Zentren gibt es mittlerweile in Deutschland, und das RKU ist eine der wenigen Kliniken, die höchstgelähmte Patienten jeden Alters versorgen kann – auch solche, die dauerhaft beatmet werden müssen oder komplexe zusätzliche Erkrankungen haben. Durch die enge Einbindung in die Universitäts- und Rehabilitationsklinik ist jedweder medizinische Fachbereich bei der Behandlung sofort verfügbar – von der Wirbelsäulenchirurgie über die Urologie, Neurologie oder Kardiologie bis hin zur Psychiatrie oder zur technischen Orthopädie.

Die Querschnittlähmung ist eine der folgenschwersten Erkrankungen, die ein Mensch erleiden kann. Die Verletzung des Rückenmarks führt nicht nur zur Lähmung der Gliedmaßen, sondern stört oft auch die Funktionen vieler anderer Organsysteme. Bei den meisten Patienten kommt es zu Darm und Blasenlähmungen, oft treten Herzrhythmus- oder Kreislaufstörungen auf, ebenso eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen, Thrombosen, Infarkte und Druckgeschwüre. Bei unfallbedingten Querschnittlähmungen müssen in mehr als der Hälfte aller Fälle schwere Begleitverletzungen, etwa des Schädels, des Brustkorbs, des Beckens oder des Bauchraums, versorgt werden. Breite ärztliche Expertise ist auch bei krankheitsbedingten Querschnittlähmungen nötig, die bei Patienten mit Tumoren, Bandscheibenvorfällen, Multipler Sklerose oder Wirbelsäuleninfektionen auftreten können. Das Krankheitsbild der Querschnittlähmung ist so komplex wie kaum ein anderes – eine immense medizinische Herausforderung, die nur mit speziell geschulten Behandlungsteams und bester medizinischer Infrastruktur gemeistert werden kann. Hinzu kommt, dass Querschnittgelähmte die vielfachen Folgekomplikationen aufgrund ihrer gestörten Gefühlsempfindung oft gar nicht wahrnehmen.

Für die Akuttherapie verfügt das Querschnittgelähmtenzentrum des RKU über 35 stationäre Behandlungsplätze. Sie dauert zwischen zwei und sechs Monaten und umfasst neben der Versorgung von Neuverletzten ein für jeden Patienten maßgeschneidertes medizinisches und soziales Rehabilitationskonzept. Querschnittgelähmte werden oft von einem Moment zum anderen mit dem Zusammenbruch aller Lebenspfeiler konfrontiert. Nicht nur die Gesundheit, auch die Arbeits-, Liebes- und Leistungsfähigkeit, die persönliche Unabhängigkeit und die Selbstverwirklichung scheinen verloren.

Im Mittelpunkt der Behandlung steht deshalb die Botschaft „Das Leben geht weiter“. Speziell geschulte Physiotherapeuten trainieren gezielt die Muskulatur der Patienten und helfen ihnen während der gesamten Behandlungszeit, die eigenen Leistungsgrenzen anzuheben. Ergotherapeuten unterstützen das Wiedererlernen von alltäglichen Handgriffen wie Ankleiden oder Körperpflege. Sogar das selbständige Einsteigen vom Rollstuhl in ein behindertengerechtes Auto kann in der Tiefgarage des Zentrums geübt werden. Um die psychischen Verarbeitungsprozesse der Patienten kümmern sich Psychologen, Psychotherapeuten und Seelsorger. Hilfreich ist dabei auch der Kontakt zu anderen Querschnittgelähmten, deshalb gibt es im Querschnittgelähmtenzentrum des RKU zahlreiche Kommunikationsmöglichkeiten — vom großzügigen überdachten Lichthof über gemeinsame Sportangebote und ein jährliches Sommerfest bis hin zum Stamm- tisch, bei dem sich die Patienten mit erfahrenen Querschnittgelähmten austauschen können.

Oberstes Ziel der Behandlung ist, die Patienten dabei zu unterstützen, so viel Selbständigkeit wie möglich zurückzugewinnen, egal wie schwerwiegend ihre Lähmung ist. In 25 Prozent aller Fälle gelingt es uns sogar, die Bewegungsfähigkeit signifikant zu verbessern. Fast alle Patienten können wir nach Hause entlassen, nur wenige müssen ins Pflegeheim.

Zur nachhaltigen Behandlung von Querschnittgelähmten gehört auch ihre gute Nachbetreuung weit über den stationären Aufenthalt hinaus. Viele Patienten kommen regelmäßig zu Nachsorgeterminen in das Spezialzentrum des RKU, manche absolvieren sogar eine Umschulung in der klinikeigenen beruflichen Rehabilitationseinrichtung. Noch bleiben die meisten Querschnittgelähmten auf den Rollstuhl angewiesen, trotz intensiver und zum Teil vielversprechender Forschung ist es der modernen Medizin bislang nicht gelungen, diese Krankheit zu heilen. Doch dank der Versorgung in Spezialzentren haben Querschnittgelähmte heute große Chancen, bei relativ guter Lebensqualität ein hohes Alter zu erreichen – noch vor kaum einem Jahrhundert hätten sie meist nur wenige Monate überlebt.

Adresse

RKU – Universitäts- und Rehabilitationskliniken Ulm
Oberer Eselsberg 45
89081 Ulm