© Sana Klinikum OffenbachBei der „Schaufensterkrankheit“ handelt es sich um eine Durchblutungsstörung der Beine und des Beckens, von der mittlerweile über 4,5 Millionen Deutsche betroffen sind.
© Sana Klinikum Offenbach

Wenn Bewegung zur Qual wird: Schaufensterkrankheit

Etwa jeder Vierte über 55 Jahre ist von der peripheren arteriellen Verschlusskrankheit betroffen

Schmerzen beim Gehen, die zum Stehenbleiben zwingen. Die Gehstrecken werden immer kürzer und schließlich tun die Beine auch im Ruhezustand unerträglich weh.

So sieht die Schaufensterkrankheit aus, auch periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK) genannt. Dabei handelt es sich um eine Durchblutungsstörung der Beine und des Beckens, von der mittlerweile über 4,5 Millionen Deutsche betroffen sind. Wird nichts getan, um die Erkrankung aufzuhalten, droht schließlich die Amputation.

Etwa jeder Vierte über 55 Jahre ist von der Schaufensterkrankheit betroffen – Männer viermal häufiger als Frauen. Diabetes und Rauchen erhöhen das Risiko beträchtlich. Ursache der Durchblutungsstörungen sind Verkalkungen der Arterien. Dadurch kommt es zu Engstellen, die die Durchblutung behindern. Unbehandelt schreitet die Erkrankung rasch fort. Schließlich kommt es zum kompletten Gefäßverschluss, offenen, nicht heilenden Wunden und schlimmstenfalls zum Verlust der Gliedmaße.

Schmerzen beim Gehen nicht auf die leichte Schulter nehmen

Arteriosklerose und die damit verbundenen Durchblutungsstörungen sind anfangs schmerzlos. Erst wenn die Durchblutung so weit eingeschränkt ist, dass die betroffenen Muskeln unter Sauerstoffmangel leiden, kommt es zu heftigen, krampfartigen Schmerzen in der Wade, aber auch in Fuß, Oberschenkel oder Gesäß. Leider nehmen die meisten Menschen diese Schmerzen im Anfangsstadium nicht ernst. Nicht einmal die Hälfte der über 65-Jährigen mit gelegentlichen Beschwerden geht zum Arzt. Dabei ist es von größter Bedeutung, diese Erkrankung so früh wie möglich zu erkennen und konsequent zu behandeln.

Knöchel-Arm-Index (ABI) gibt erste Hinweise

Einen ersten Hinweis auf eine Durchblutungsstörung gibt der sogenannte Knöchel-Arm-Index (ABI). Bei dieser Untersuchung misst eine Sonde am Knöchel den Blutdruck und damit, wie durchgängig die Gefäße sind. Es folgen die Belastungsuntersuchung (z. B. auf dem Laufband) und eine gründliche Ultraschalluntersuchung (farbkodierte Duplexsonografie). Detaillierte Informationen geben die Magnetresonanz-Angiografie (MRA) und CT-Angiografie, vor allem aber die Angiografie. Bei dieser Röntgendarstellung der Gefäße können die Engstellen gegebenenfalls auch gleich von innen behandelt werden.

Konsequentes Bewegungstraining kann Operationen vermeiden

Bei der Behandlung müssen zunächst die Risikofaktoren ausgeschaltet werden: Rauchen, Bluthochdruck, zu hohe Blutfettwerte, Diabetes und Übergewicht. Von größter Bedeutung ist mehr Bewegung. Im frühen Stadium bilden Gehtraining und spezielle Gymnastik die Grundlage der Behandlung. Regelmäßiges Training von täglich 30 bis 40 Minuten führt unter anderem zur Bildung neuer Blutgefäße, die einen verstopften Gefäßabschnitt umgehen und die Muskulatur wieder mit Sauerstoff versorgen. Die Schmerzen werden weniger und die Gehstrecke oft erheblich verlängert. Allerdings sollte das Training mit dem Arzt abgestimmt werden. Bei Ruheschmerzen oder wenn schon Gewebe zugrunde gegangen ist, kommt das Bewegungstraining in der Regel nicht mehr in Frage. Unterstützt wird die Therapie durch Medikamente: durchblutungsfördernde Substanzen und Gerinnungshemmer. Da die Erkrankung nicht nur die Beine betrifft, sondern den gesamten Körper, haben pAVK-Patienten ein hohes Herzinfarktrisiko. Daher wird die lebenslange Einnahme von Acetylsalicylsäure (ASS) und eines Fettsenkers empfohlen.

Die Durchblutung wiederherstellen

Bei starken Beschwerden kann die Durchblutung durch einen Eingriff wiederhergestellt werden. Hierfür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Mittels „Ballon-Dilatation“ können Engstellen von innen aufgedehnt werden. Dabei wird zunächst ein Draht unter Röntgenkontrolle bis zur Engstelle vorgeschoben und dann der Ballon aufgepumpt. Sogenannte Stents (Gefäßprothesen) halten das Gefäß von innen offen. Bei längerstreckigen Verschlüssen kann eine „Gefäßumgehung“ mittels Bypass nötig sein. Solche Bypässe können aus Kunststoff oder besser aus körpereigenen Venen des Patienten gemacht werden.

Behandlung nur in zertifizierten Zentren!

Ich rate allen Patienten mit Durchblutungsstörungen, die behandelt werden müssen, dringend dazu, sich ausschließlich in zertifizierten Gefäßzentren behandeln zu lassen. Nur wer alle Behandlungsoptionen vorhält, kann wirklich die für den jeweiligen Patienten optimale Behandlung auswählen. Wer dagegen z. B. nur Kathetertechniken anbietet, wird zwangsläufig immer auf „einem Auge blind“ sein. Die hohen Auflagen der Fachgesellschaften sichern die Qualität.

Langfristiger Behandlungserfolg vom Mittun des Patienten abhängig

Die Behandlung der pAVK ist allerdings mit dem Eingriff nicht abgeschlossen. Es handelt sich um eine chronische Erkrankung, deren Verlauf sehr stark von der Mitarbeit des Patienten abhängt. Eine ausgeprägte Arteriosklerose ist nicht rückgängig zu machen. Man kann das Fortschreiten aber erheblich verlangsamen und unter Umständen sogar ganz stoppen. Bewegung und das Ausschalten der Risikofaktoren sind lebenswichtig. Gefäßpatienten sollten regelmäßig Blutdruck, Blutzucker und Fettwerte kontrollieren lassen und ihre Medikamente zuverlässig einnehmen.

 

Prof. Dr. med. Arend Billing ist Chefarzt der Gefäßchirurgie am Sana Klinikum Offenbach. Der endovaskuläre Spezialist mit langjähriger Erfahrung u. a. in der Aortenchirurgie, Bypasschirurgie sowie insbesondere in den interventionellen Techniken baute das Gefäßzentrum Offenbach auf, das 2007 als erstes Gefäßzentrum Südhessens die Zertfizierung erhielt. Einen besonderen Schwerpunkt bilden die minimal-invasiven Techniken einschließlich Aortenstentgraft und der umfassenden Behandlung der Schaufensterkrankheit.

Adresse

Sana Klinikum Offenbach GmbH
Starkenburgring 66
63069 Offenbach