6. Dezember 2013 von Thomas Becher in Medizin des Lebens, Themen
© Thinkstock/iStockDa bei Kindern die Plastizität des Gehirns größer ist als bei Erwachsenen, wurde die Forced-Use-Therapie erfolgreich in die Kindertherapie übernommen.
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Forced-Use-Therapie bei Kindern mit Hemiparese

Kinderneurologisches Zentrum Gerresheim: Therapie der beeinträchtigten Hand durch zwingend beidhändige Tätigkeiten

Die Forced-Use-Therapie, eine Therapie der Handfunktion, erreicht bei Patienten, dass die von der Halbseitenlähmung betroffene Hand aktiv eingesetzt wird.

Im Kinderneurologischen Zentrum Gerresheim der Sana Kliniken Düsseldorf werden seit vielen Jahren Kinder mit spastischen Cerebralparesen betreut. Diese Behinderung entsteht meist durch eine Durchblutungsstörung im Gehirn vor oder während der Geburt – ähnlich einem Schlaganfall bei Erwachsenen. Bei einer einseitigen Schädigung des Gehirns entsteht eine Halbseitenlähmung, d. h. eine so genannte Hemiparese.

Cerebralparesen sind weltweit und auch in Deutschland die häufigste Ursache von motorischer Behinderung im Kindesalter. Die Krankheitshäufigkeit in der Gesamtbevölkerung wird heute mit 2-3/1.000 angegeben, unter den extremen Frühgeborenen bis zu 100/1.000. Für Nordrhein-Westfalen rechnete man für 2010 mit ca. 294 bis 442 neuaufgetretenen CP-Fällen. Diese Zahlen sind in den letzten Jahren annähernd konstant.

Schwerpunkte unserer Arbeit am Kinderneurologischen Zentrum sind die Diagnostik, die Hilfsmittelversorgung, die Therapie mit Botulinumtoxin, die ambulante Betreuung und Therapiesupervision. Ein besonderes Angebot stellen die stationären neuropädiatrischen Komplexbehandlungen dar, v. a. zur Therapie der Handfunktion (Forced-Use-Therapie), im Rahmen eines zehntägigen Aufenthaltes. Die Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Therapeutinnen und Therapeuten ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil unseres Angebots.

Die Forced-Use-Therapie, auch Constraint Induced Movement Therapy genannt, wurde aus langjähriger neurologischer und lerntheoretischer Grundlagenforschung heraus in den 90er Jahren entwickelt. Ursprünglich wurde diese Methode bei erwachsenen Schlaganfallpatienten angewandt, bei denen der Nicht-Gebrauch der betroffenen oberen Extremität ein typisches Merkmal ist. Wir sprechen hierbei vom sogenannten Learned Non Use, also dem „erlernten Nicht-Gebrauch“. Gründe hierfür sind zum einen, dass der Einsatz der betroffenen oberen Extremität deutlich mühsamer ist und zum anderen, dass er wesentlich mehr Misserfolge erbringt als der der nicht betroffenen Extremität. Diese immer wiederkehrende Frustration führt zur Vermeidung, also zum Nicht-Gebrauch. In der Forced-Use-Therapie wurde der Gebrauch der betroffenen Hand forciert, indem die nicht betroffene Hand, z. B. durch einen speziellen Handschuh oder eine abnehmbare Gipsschiene, immobilisiert wird. Folglich sind die Patienten gezwungen, die betroffene Hand aktiv einzusetzen. Davon ausgehend, dass bei Kindern die Plastizität des Gehirns größer ist als bei Erwachsenen, wurde die Forced-Use-Therapie erfolgreich in die Kindertherapie übernommen.

Im Weiteren wurde die Therapie so weiterentwickelt, dass der Einsatz der Hand durch die Reduktion der Spastik mittels Botulinumtoxin und die Verbesserung der Handstellung durch Funktions-Handorthesen aus Silikon unterstützt wurde. Aktuell bieten wir eine betätigungsorientierte Handtherapie an, bei der der Einsatz der betroffenen Hand durch zwingend beidhändige Tätigkeiten erforderlich gemacht wird. Die Ziele der Jugendlichen werden in ausführlichen Gesprächen vorher vereinbart und reichen vom Essen mit beiden Händen über eigenständiges Rasieren bis zum besseren Spielen mit der PlayStation – das nur als kleine Auswahl. Eine Auswahl von Tätigkeiten, die (fast) nur mit beiden Händen durchführbar sind, findet sich unter http://www.cheq.se/questionnaire – einem Fragebogen für Kinder und Jugendliche, den wir häufig einsetzen.

Die Kinder und Jugendlichen kommen zu einer zehntägigen Therapie auf unsere kinderneurologische Station im Kinderneurologischen Zentrum Gerresheim und erhalten dort pro Tag 3-4 Einheiten Therapie: Physiotherapie, Ergotherapie, heilpädagogische und motopädische Förderung.

Während dieser Zeit nehmen die Kinder und Jugendlichen am Leben auf der Station teil, essen gemeinsam mit den Schwestern und Pflegern und werden auch in diesen Situationen therapeutisch begleitet. Während der pädagogisch geleiteten Gruppenstunden werden zahlreiche, möglichst beidhändige Spiele und Aktivitäten angeboten – teils werden in Einzelstunden Eigenübungen unterstützt.

Meist erleben wir in den ambulanten Nachuntersuchungen Kinder, Jugendliche und Eltern, die zu unserer Freude von Erfolgen berichten, die über die ursprünglich vereinbarten Therapieziele deutlich hinausgehen – vor allem im spontanen Einsatz der betroffenen Hand, der Symmetrie des Körpers und in der Selbständigkeit.

In die ambulante Therapie bei Ergo- und Physiotherapeuten fließen die Ergebnisse der gemeinsamen Arbeit ein, wir entwickeln häufig mit den Kollegen und Kolleginnen vor Ort gemeinsam das weitere therapeutische Vorgehen. Eine Wiederholung der Blockbehandlung nach ein bis zwei Jahren ist meist sinnvoll.

Adresse

Sana Kliniken Düsseldorf GmbH
Sana Krankenhaus Gerresheim
Akademisches Lehrkrankenhaus Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Gräulinger Str. 120
40625 Düsseldorf